Im
Herbst 2006 wurde der erste Vertreter einer völlig neue Impfstoffgeneration in
Europa zugelassen, ein Impfstoff gegen das humane Papillomavirus (HPV).
Das HP-Virus stellt eine große Virusgruppe dar, die abnormales
Zellwachstum beim Menschen verursachen kann. Bislang wurden mehr als 40
Untergruppen des HP-Virus bei Infektionen im Genitalbereich nachgewiesen.
Insgesamt kennt man rund 200 Untergruppen des HP-Virus.
Als Folgen einer Infektion mit dem HP-Virus können einerseits
die harmlosen Warzenstrukturen v.a. im Genitalbereich entstehen, zu denen auch
die Feigwarzen (Kondylome) zählen. Für Kondylome sind primär die HP-Viren
Gruppen 6,11 und 42 verantwortlich.
Andererseits kann es nach Infektion mit einem so genannten high
risk HP-Virus, dazu zählen besonders die Gruppen 16 und 18, zu bösartigen
Zellveränderungen kommen. Man nennt die high risk Gruppen 16 und 18 die
onkogenen, also krebserregenden Gruppen. Wenn es nach Infektion mit einem
onkogenen HP-Virus nicht zu einer spontanen Abheilung kommt, kann die chronische
Besiedelung mit onkogenen HP-Viren Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom)
verursachen.
Zur Einordnung der HPV-Typen die nachfolgende Tabelle:
|
|
Häufige
VIRUS TYPEN |
Weniger häufige VIRUS TYPEN |
Erkrankung
verursacht durch jeweiligen HPV-Typ: |
|
Nicht onkogen |
6 & 11 |
42, 43, 44,
55+ |
n
6&11
= 90% aller Genitalwarzen1 n
Zervix-Läsionen
n
4 bis 25%2-4
CIN 1 (=Cervicale
Intraepithel. Neoplasie Gr.1 ) |
|
Onkogen (High-risk) |
16 & 18 31 |
33, 45 26, 35, 39,
51, 55 52, 56, 58,
59, 66, 68 |
n
16&18
= 75%5 aller Gebärmutterhalskarzinome n
CIN,
VIN, VaIN, AIN 1, 2 & 3 n
Cervix n
Vulva n
Vagina n
Anus |
Bei 99,7 % aller Gewebeproben, die bei Patientinnen mit Gebärmutterhalskrebs
entnommen wurden, konnte eine Infektion mit HP-Viren nachgewiesen werden.
Die Infektion mit onkogenen HP-Viren verursacht keine
klinischen Symptome und kann nur mittels Krebsabstrich diagnostiziert werden.
Der Krebsabstrich ist nach dem griechischen Arzt, Papanicolaou benannt
und wird auch Pap Test genannt. Deshalb ist die gynäkologische
Vorsorgeuntersuchung (Screening) so wichtig und sollte ab dem 20. Lebensjahr
einmal jährlich erfolgen!
Die
wichtigsten Schlagworte zu HPV und Zervixkarzinom:
Ø
ca. 70% aller Frauen infizieren sich mit HPV im Laufe des
Lebens
Ø
1 -3% der HPV Infektionen entwickeln sich zu einem invasiven
Tumor
Ø
99,7 % aller Zervixkarzinome sind mit einer HPV Infektion
assoziiert
Ø
In 75% wird HPV 16 oder HPV 18 gefunden
»
HPV 16 in 56%
»
HPV 18 in 19%
Ø
HPV 16 wird häufiger beim
Plattenepithelkarzinom gefunden
»
ältere Frauen über 60 Jahre
»
im Screening gut zu erfassen und gute
Therapiemöglichkeiten
Ø
HPV 18 wird häufiger beim
Adenokarzinom gefunden
»
jüngere Frauen zw. 39 – 45 Jahre
»
schwerer zu erkennen und schwerer zu
therapieren
Ø
Von der Infektion bis zum Auftreten
einer Präkanzerose oder des invasiven Tumors vergehen ca. 10- 40 Jahre
Ø
Zervixkarzinom ist die zweithäufigste
Krebserkrankung bei Frauen
»
400.000 neu Fälle weltweit
»
200.000 Todesfälle pro Jahr
Ø
in Österreich
530 Neuerkrankungen und 138 Todesfälle* im Jahr 2000
Ø
Inzidenz
»
4 - 45 / 100.000 Frauen
»
Afrika > Lateinamerika > Asien
> Europa > USA
»
USA: 15.000 Fälle/Jahr;
5.000 Todesfälle
Ø
80% der Fälle treten in
Entwicklungsländern auf
»
Gründe: keine oder mangelhafte
Vorsorgeuntersuchung
»
für viele auch einfach nur nicht
bezahlbar
Das
Zervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs)
Gebärmutterhalskrebs wird durch persistierende Infektion
mit onkogenen Typen des Humanen Papillomavirus (HPV) verursacht. Die HP-Viren Typen 16 und 18 sind
die zwei häufigsten, krebserregenden Typen und sind für mehr als 70 % aller
Gebärmutterhalskrebsfälle weltweit verantwortlich.
Onkogene HP-Viren werden im Allgemeinen über Hautkontakt
im Genitalbereich, also nicht nur über vollzogenen Geschlechtsverkehr, übertragen.
Die Infektiosität von HP-Viren ist sehr hoch, eine Übertragung ist daher sehr
leicht möglich. Das Verwenden von Kondomen ist als
Schutz vor Infektion nicht ausreichend.
Die HPV Infektion ist eine der häufigsten
Infektionen und kommt im Leben fast jeder Frau vor. Bis zu 70 % der Frauen bzw.
80 % aller Menschen infizieren sich einmal im Laufe ihres Lebens mit einem
onkogenen HP-Virus, zumeist relativ bald nach dem ersten sexuellen Kontakt. Die
HPV Infektion ist damit Teil des Lebens jeder Frau. Etwa 25 % der jungen Frauen sind Trägerinnen
der HP-Viren.
Vorkommen
und Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs
Gebärmutterhalskrebs
ist die dritthäufigste krebsbedingte Todesursache bei Frauen weltweit, nach
Brust- und Lungenkrebs. Bei rund 500.000 Frauen weltweit wird jedes Jahr Gebärmutterhalskrebs
festgestellt, rund 270.000 Frauen sterben jährlich daran. In Entwicklungsländern
zählt Gebärmutterhalskrebs zu den
führenden krebsbedingten Todesursachen.
Das
Zervixkarzinom tötet oft Frauen in ihrer aus wirtschaftlicher und sozialer
Sicht, produktivsten Lebensphase (30 – 50 Jahre).
In Ländern mit etabliertem Screeningprogramm ist rund
einer aus 15 Pap Tests positiv, was Sekundärdiagnose und
Follow Up Untersuchungen erforderlich macht und bei betroffenen Frauen
großen psychischen Druck erzeugt.
In Österreich erkrankten im Jahre 2000 528 Frauen an Gebärmutterhalskrebs,
138 davon starben daran. Die Altersstruktur zeigt, dass bei 25- bis 35-jährigen
Frauen rund 9 von 100.000 Frauen, bei über 35-Jährigen zwischen 15 bis 20 von
100.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs erkranken.
Vorkommen und Häufigkeit von Kondylomen
(Genitalwarzen)
Genitalwarzen sind überaus häufig. Rund
1% der Bevölkerung sind betroffen, die Kondylome sind lästig und überaus
schwer zu behandeln. Zudem zeigt sich in den letzten Jahren eine deutliche
Zunahme der Verbreitung und der Infektionswahrscheinlichkeit. Kondylome sind
relativ leicht übertragbar und durch das Benutzen von Kondomen nicht sicher
verhinderbar. 90% der Kondylome sind durch die HPV-Typen 6 und 11 hervorgerufen.
Impfung
gegen HPV:
SanofiAventisMSD
hat nun mit September 2006 unter dem Namen Gardasil® einen
HPV-Vierfachimpfstoff in den Handel gebracht, der vor den onkogenen HPV 16 und
18, sowie gegen die zu über 90% für Kondylome verantwortlichen Typen 6 und 11
schützt.
GlaxoSmithKline
hat die Zulassung für einen gegen
die onkogenen Stämme 16 und 18 enthaltenden Impfstoff unter dem Namen Cervarix®
erhalten.
Die
Impfstoffe sind Totimpfstoffe, bei beide Herstellern werden die aktiven
Bestandteile in Hefezellen produziert (ähnlich Hepatitis B)
Beide
Impfstoffe sind vom Aufbau her ähnlich und werden intramuskulär gegeben:
Cervarix®
(GlaxoSmithKline): So genannte „virus-like particles“, in Hefezellen
produzierte und dann aufbereitete Virushüllen, die die wichtigsten Antigene
enthalten, werden an Monophosphoryl-Lipid A (MPL-A, ein neueres Adjuvans) oder
an Aluminiumphosphat adjuviert. Jede Impfdosis enthält 20 mcg Proteine
des HPV-Virusstammes 16 und 18.
Das
Impfschema: Es müssen 3 Impfungen gegeben werden: Am Tag 0 dann 1 Monat später
und dann 6 Monate später.
Gardasil®
(SanofiAventis MSD):
Auch hier
werden solche „virus-like particles hergestellt, die Adjuvierung erfolgt
konventionell an Aluminiumphosphat. Neben den onkogenen HPV-Stämmen 16 und 18
enthält das Gardasil auch Antigene der warzenverursachenden Stämme 6 und 11.
Auch hier werden 3 Impfdosen im Schema 0-1-6 gegeben.
|
IMPFSTOFF |
PRODUKTNAME
und HERSTELLER |
|
KINDERIMPFSTOFFE
= ERWACHSENENIMPFSTOFFE |
|
|
HPV (virus-like
particles, gentechnologisch TOT) |
Gardasil (SPMSD; HPV Typ 6,11,16,18) Cervarix (GSK; HPV Typ 16,18) |
Wirksamkeit:
Beide
Impfstoffe haben in großen klinischen Studien sowohl bewiesen, dass durch die
Gabe virusneutralisierende Antikörper induziert werden als auch, dass sie einen
effektiven Schutz bieten, der in der Größenordnung von etwa 94-100% liegt.
Nicht klar ist allerdings bei beiden Impfstoffen, wie lange diese Immunität anhält,
mit Sicherheit ist ein Schutz für mindestens 4 jahre aus der direkten
Beobachtung gegeben, vermutlich hält die Impfung aber lebenslang. Ob also
aufgefrischt werden muss, ist derzeit unklar.
Rund um
die HPV-Impfung gibt es natürlich ein paar praxisbezogene Fragen, die immer
wieder gestellt werden:
1. Wie
gut ist die Wirksamkeit in Bezug auf die Verhütung der diversen
Krankheitsbilder:
Bei
HPV-naiven Frauen:
|
Primärer Endpunkt |
N |
Wirksamkeit (CI) |
Follow-up |
|
HPV 6/11/16/18-assoziierte Infektion oder Krankheit |
551 |
100% (84-100) |
5 Jahre |
|
HPV 6/11/16/18-assoziierte zervikale Läsionen in Bezug
auf jeden Schweregrad |
5,442 |
100% (87-100) |
2 Jahre |
|
HPV 6/11/16/18-assoziierte vulväre und vaginale Läsionen
and Warzen |
5,442 |
100% (88-100) |
2 Jahre |
|
HPV 16/18-assoziierte |
12,157 |
100% (76-100) |
2 Jahre |
2. Muss
vor der Impfung eine HPV-Typisierung durchgeführt werden, um eine durchgemachte
oder persitente Infektion zu diagnostizieren?
Die
Antwort ist ein klares Nein. Die Voruntersuchung bringt keinen Vorteil. Je nach
HPV-Status der zu impfenden Frau sieht der „outcome“ der Impfung nur ein
wenig unterschiedlich aus:
|
Status |
Wirkung |
Anmerkung |
|
HPV-PCRneg.;
seroneg. |
100% |
naive,
voller Schutz |
|
HPV-PCRneg.;
seropos. |
ausgeheilte Infektion |
profitiert
vom Schutz gegen andere
Serotypen |
|
HPV-PCRpos.;
seroneg. |
27%
(CIN 1-3) 28%
(CIN 2/3) |
Trend
bei frischer Infektion, nicht statistisch
signifikant |
|
HPV-PCRneg.;
seropos. |
keine |
chronische
Infektion, Therapieeinsatz nicht
sinnvoll |
d.h.: ausser jener selten eintretenden Konstellation der chronisch persitierenden Infektion profitiert eine Frau jendefalls von der Impfung. Bei chronisch persistierender Infektion schadet aber die Impfung jendenfalls nicht.
3. Es
gibt ausser den besonders häufigen onkogenen Typen auch noch einige andere, die
ebenfalls Gebärmutterhalskarzinome hervorrufen können, wichtig sind hier die
Typen 31,33 und 45, ferner 52 und 58. Schützt der Impfstoff auch gegen diese
Typen?
Es liegen
bereits einige Studien vor, die deutlich zeigen, dass gegen die oben angeführten
Typen, obwohl sie nicht im Impfstoff enthalten sind, durch sogenannte
kreuzreagierende Antikörper ebenfalls eine schützende Immunantwort
hervorgerufen wird. Dies beruht auf der Tatsache, dass HP-Viren untereinander
sehr eng antigenetisch verwandt sind. Die Kreuzimmunität dürfte aber nicht so
ausgezeichnet sein wie die „Originalimmunität“, die Antikörperspiegel sind
hier etwas niedriger, wenngleich im gut schützenden Bereich.
Nebenwirkungen:
Trotz des
Vorliegens großer Zahlen Geimpfter sind bisher so gut wie überhaupt keine
Nebenwirkungen bekannt, höchstens leichte Reaktionen an der Impfstelle wurden
beobachtet. Die Impfstoffe sind also ausgezeichnet verträglich.
Indikation:
Es
handelt sich um eine echte Impfung gegen Krebs, der jede Frau treffen kann. Jede
Frau sollte sich daher dieser Impfung vor Eintritt in das aktive Sexualleben
unterziehen, dies zum Selbstschutz. Männer sollte diese Impfung machen, damit
sie nicht als Überträger der HP-Viren auf gesunde ungeimpfte Frauen in Frage
kommen.
Die
derzeitige Zulassung des Gardasil® ist noch auf Mädchen und Buben zwischen 9
und 15, sowie junge Frauen zwischen 16 und 25 beschränkt. Eine Erweiterung der
Zulassung auf Frauen bis zum 45.Lebensjahr wird vermutlich noch 2007 erfolgen.
Cerverix® wird nach Zulassung von vorneherein voraussichtlich bis zum 55.
Lebensjahr freigegeben sein.
Optimale
Prophylaxe: Impfung und Screening
In Ländern mit etabliertem
Screeningprogramm (regelmäßige Vorsorgeuntersuchung plus Abstrich), wird die
Impfung einerseits das Potential eröffnen, den Großteil jener Fälle an Gebärmutterhalskrebs
zu vermeiden, die trotz bestehender Untersuchungsprogramme undiagnostiziert
bleiben. Damit verbunden führt die Impfung zu einer Reduktion von Angst und
verbundenem Leid, das durch die Diagnosestellung abnormaler Läsionen, entsteht.
Darüber hinaus werden jene Kosten reduziert, die mit der Diagnose und
Behandlung von präkanzerogenen Läsionen einhergehen.
Der Impfstoff ersetzt also NICHT die regelmäßige
Vorsorgeuntersuchung!!!
In Ländern mit derzeit noch nicht
entwickeltem Screening Programm bzw. dort, wo die Implementierung schwierig ist,
hat der Impfstoff das Potential, die Zahl der durch Zervixkarzinom verursachten
Todesfälle sowie die Morbidität um bis zu 70 % zu reduzieren.