Erreger:
Rotaviren
sind Reoviren. Es können verschiedene (insgesamt 7) Serogruppen unterschieden
werden, die sich durch unterschiedliche antigene Determinanten der wichtigsten
Strukturproteine, VP2 und VP6 (sind im inneren und mittleren Kapsid des Virus)
charakterisieren. Im weiteren sind auf der Oberfläche des äusseren
Viruskapsids die für die Immunantwort wichtigen Proteine VP4 und VP7 gelegen.
VP2 und VP6 erlauben die Serogruppenzuordnung, VP4 und VP7 dann innerhalb der
Serogruppen eine Serotypenzuordnung (20 VP4 „P“ und 14 VP7 „G“-Typen).
Das weitaus am häufigsten vorkommende Rotavirus (mit über 53% Vorkommen) ist
der Serogruppe A mit dem Typ G1P[8].
Infektionsquelle:
Rotaviren
werden mit dem Stuhl ausgeschieden. Ein Erkrankter scheidet mit einem Gramm
Stuhl etwa 100 Milliarden (!!) Rotaviren aus. Bereits vor Einsetzen der
klinischen Krankheitssymptome kann der Infizierte Viren in Massen ausscheiden.
Übertragung:
Die Übertragung
erfolgt in erster Linie durch Schmierinfektion, wobei als Infektionsdosis zur Übertragung
bereits 10000-100000 Viren genügen. Angesichts der Virusmassen, die vom
Infizierten ausgeschieden werden und der geringen Virusmenge, die zur Übertragung
nötig ist, wird deutlich, wie hochinfektiös und leicht übertragbar die
Erkrankung ist. Auch eine aerogene Übertragung (z.B. beim Erbrechen) v.a. bei
Pflege von Erkrankten, ist möglich.
Inkubationszeit:
1-3 Tage
Krankheitsbild:
Zunächst
gilt die Regel: Je früher ein Kind erkrankt, desto schwerwiegender ist der
Verlauf
Typisch
beginnt die Erkrankung mit Fieber und Erbrechen für 1-3 Tage, gefolgt von wässrigen
Durchfällen für 4-5 Tage.
Hauptgefahr
ist, dass es zu schwerer Austrocknung des Erkrankten kommen kann, dies umso
leichter, je kleiner das Kind ist.
Die
Behandlung beschränkt sich auf den Ersatz von Flüssigkeit und Elektrolyten,
bis es zur spontanen Ausheilung kommt.
Die
durchgemachte Erkrankung hinterlässt eine Immunität, die kreuzreaktiv ist,
d.h. auch gegen andere Serogruppen bzw. Serotypen, wenn auch unterschiedlich
gut, wirksam ist. Nach der Ersterkrankung ist das Kind zu etwa 70% gegen weitere
RV-Erkrankungen geschützt, nach 2 Erkrankungen schon zu 85%.
Im
Erwachsenenalter verlaufen die weiteren Infektionen, die sicherlich laufend
vorkommen, dann sehr oft unerkannt oder unter dem Bild einer leichten
Durchfallserkrankung.
Diagnose:
Elektronenmikroskopischer
Virusnachweis aus dem Stuhl oder Virusantigennachweis mittels Testkits ebenfalls
aus dem Stuhl.
Epidemiologie
und Bedeutung:
Rotaviren
sind die bedeutendste Durchfallsursache weltweit. Pro Jahr sterben v.a. in den
Entwicklungsländern etwa 440.000 Kinder direkt an der Erkrankung, etwa 140
Millionen (!!) Krankheitsfälle pro Jahr dürften vorkommen. Deutschland meldet
z.B, 2003 46.000 Rotaviruserkrankungen, davon 77% bei Kindern unter 5 Jahren.
Unser eigenes Überwachungssystem registriert pro Jahr zwischen 3000 und 4500
Kinder, die wegen Rotavirusinfektionen einen Spitalsaufenthalt von etwa 1 Woche
in Kauf nehmen müssen.
In Östereich
kann davon ausgegangen werden, dass jedes Kind bis zum vollendeten 3 Lebensjahr
zumindet 1x durch Rotaviren erkrankt, Todesfälle sind aber sehr selten.
In den Ländern
der gemässigten Klimazone treten Rotaviruserkrankungen vornehmlich in den
Wintermonaten zwischen November und April auf, hier machen sie etwa 50% aller
Durchfallserkrankungen aus.
Impfstoffe:
Bereits 1998
wurde erstmals ein Rotavirusimfstoff in den USA zugelassen (Rotashield®). In
der Feldanwendung stellte sich dann leider heraus, dass dieser Impfstoff selten
zu einer Darmeinstülpung (Intussuszeption; IS) führt, 15 Fälle wurden
beschrieben. Daraufhin wurde der Impfstoff vom Markt genommen.
Mit 2006
wurden 2 neue Rotavirusimpfstoffe auf den Markt gebracht:
|
IMPFSTOFF |
PRODUKTNAME
und HERSTELLER |
|
KINDERIMPFSTOFFE
(ev. auch für Erwachsene geeignet) |
|
|
Rotavirus
(attenuiert; lebend) |
Rotarix (GSK; humane attenuierte RV) Rotateq (SPMSD; bovin-human, reassortierte RV) |
a)
Rotarix®:
Rotarix
enthält einen attenuierten humanen Rotavirusstamm, der von einem Kind in den
USA herstammt und über diverse Kultivierungsschritte seiner krankmachenden
Eigenschaften beraubt wurde. Der Impfstamm ist ein Serogruppe A, G1P[8]
Virus.
Der
Impfstoff wird oral verabreicht, man kann ab der 6.Lebenswoche impfen, es werden
2 Dosen im Abstand 3 Wochen verabreicht. Zu den Charakteristika siehe
untenstehende Tabelle
b) Rotateq®:
Hier
wurde ein völlig anderer Ansatz gewählt: Ein bovines Rotavirus dient als „Rückgrat“
für den Impfstoff, es werden 5 wichtige humane Serotypen quasi in dieses Rückgrat
eingebracht (reassortiert) und dieser Impfstamm dann verwendet.
Der
Impfstoff wird oral verabreicht, man kann ab der 6.Lebenswoche impfen, es werden
3 Dosen im Abstand von etwa 4 Wochen verabreicht. Zu den Charakteristika siehe
untenstehende Tabelle.
Gegenüberstellung
der wichtigsten Eckdaten der beiden Impfstoffe:
|
Parameter
|
Rotarix
(RR)
|
Rotateq
(RT)
|
Bemerkungen
|
|
Wirksamkeit
gesamt
(auf
1 a)
|
75%
(Europa: 87%)
|
72,5%
|
Entspricht
natürlicher Immunität nach Erstinfektion!
|
|
Wirksamkeit
gegen schwere RV-GE (auf 1a)
|
95%
(Europa: 96%)
|
98%
|
Def.
schwere RV-GE:
RR:
score ≥11von 20;
RT:
score ≥16 von 24!
|
|
Stammspezifische
Wirksamkeit (G1,2,3,4,G9; nur schwere GE)
|
74,7-100%
(Europa:
75-100%) |
88-100%
|
Cave:
unterschiedliche Serotypen getestet
|
|
Wirkdauer
nachgewiesen
|
Bis 2 a
|
Mind. 1 a
|
Cave:
keine endgültige Bestimmung der Wirkdauer gegeben
|
|
Allgemeine
Verträglichkeit gegen Placebo
|
Keine Diff
|
Keine Diff
|
Erst
und Folgedos(en) ident
|
|
Intussusceptionsrisiko
Placebo:Verum
|
7:6
|
5:6
|
RR:
63.225 Kinder
RT:
70.301 Kinder
|
Zur
Erklärung der Gegenüberstellung:
Wirksamkeit:
Beide
Impfstoffe, obwohl vom Design her völlig verschieden, zeigen klinisch in etwa
die gleiche Wirksamkeit. Sie schützen zu rund 70% vor jedweder nachfolgender
Rotaviruserkrankung, das entspricht auch dem Schutz, der nach einer natürlichen
Infektion zu erwarten ist. Demnach sind beide Impfstoffe als ausgezeichnet
wirksam einzustufen.
Beide
Impfstoffe schützen zu einem noch höheren Prozentsatz vor schweren
Rotavirus-Gastroenteritiden, wobei hier zwar unterschiedlich gute Wirksamkeit
von den Herstellern angegeben wird, diese aber in Wahrheit nicht enstehen dürfte,
da unterschiedlich restriktiv mit dem Begriff „schwere Gastroenteritis“
umgegangen wurde.
Nebenwirkungen:
Die
Erfahrungen mit Rotashield haben vorsichtig gemacht und den Herstellern wurde für
die Zulassng zur Auflage gemacht, dass sie beide riesiges Zahlenmaterial
vorlegen müssen, das zweifelsfrei eine Beurteilung des Risikos seltener
schwerer Nebenwirkungen erlaubt. Beide Firmen hatten zwischen 60.000 und 70.000
Kinder in den klinischen Studien und beide Firmen konnten eindrucksvoll
beweisen, dass die Produkte sicher und sehr nebenwirkungsarm sind.
Im
weiteren sind zusammengefasst folgende Charkterisitika gegeben:
n
Die Effektivitätsdaten lassen keine wesentlichen Unterschiede zwischen den
Impfstoffen erkennen,
n
Das allgemeine Nebenwirkungsprofil ist vergleichbar, beide Impfstoffe sind
gut verträglich
n
Beide RV-Vakzinen haben in riesigen Studien ihre Arzneimittelsicherheit
unter Beweis gestellt, beide haben keine Verdachtsmomente für IS-Häufung
n
Beide Impfstoffe sind lebend und oral und früh einsetzbar (ab
5./6.Lebenswoche), Rotarix 2 Dosen, Rotateq 3 Dosen
n
Beide Vakzinen sind mit den anderen Kindervakzinen (inkl.OPV!) ohne
Wirkungsverlust einer der Komponenten kombinierbar
n
Unbekannt ist für beide Impfstoffe die tatsächliche Wirkungsdauer ohne natürliche
Boosterung, gesichert sind ~2 Jahre mit abnehmendem Schutz
n
Unbekannt ist auch, ob es bei sehr breitem Einsatz zu einem replacement mit
Serotypen kommt, die nicht durch den Impfstoff abgedeckt sind. Wahrscheinlich
ist dies aber nicht.
n
Unbekannt sind die Auswirkungen irregulärer Impfschemata und div. üblicher
Fehler in der Feldanwendung auf Effizienz und Schutzdauer
n
Sicher ist, dass diese Impfstoffe ein wesentlicher positiver
gesundheitlicher und volkswirtschaftlicher Faktor sein können
Beide
Impfstoffe sind zugelassen und beide
Impfstoffe sind vorläufig in gleicher Weise zur Anwendung bei Kindern zum frühestmöglichen
Zeitpunkt laut österreichischem Impfplan empfohlen und werden kostenlos verabreicht.