GRUNDLAGEN

 

IMMUNISIERUNGSARTEN UND IMPFSTOFFE

Arten der Immunisierung

Um den menschlichen Organismus gegenüber fremden Mikroorganismen unempfindlich zu machen, stehen zwei grundsätzliche Möglichkeiten zu Verfügung:

  • die aktive Immunisierung
  • die passive Immunisierung.
Die aktive Immunisierung bedeutet also, daß der Organismus eine aktive Leistung zustande bringen muß. Wie er "Antikörper" bildet, ist im entsprechenden Kapitel detailliert beschrieben. Diese aktive Leistung bedeutet aber, daß unser Organismus für den Aufbau eines belastbaren Schutzes durch die Kompliziertheit des Vorganges an sich Zeit braucht, in der Regel einige Wochen. Andererseits hat es aber sein Gutes, daß wir unser gesamtes Immunsystem "auf Trab" gebracht haben - es bildet auch ein Erinnnerungsvermögen aus, sodaß bei einem späteren Kontakt mit demselben Krankheitserreger sofort Abwehrstoffe in größerer Menge bereitgestellt werden. Eine aktive Immunisierung kann entweder durch die Erkrankung selbst (dann allerdings eben um den Preis der mit der Erkrankung verbundenen Beschwerden) oder durch eine sogenannte "stille Feiung" (Infektion wie bei Erkrankung, jedoch - für den Betroffenen glücklicherweise - ohne klinisches Kranksein) oder eben durch eine aktive Immunisierung (Impfung) erfolgen. Die passive Immunisierung hat schon in ihrem Namen, daß sich hier der Organismus eben passiv verhält: Es werden ihm die gegen die jeweilige Erkrankung nötigen Abwehrstoffe zugeführt, die Abwehrstoffe neutralisieren die Krankheitserreger und die Erkrankung ist damit vermieden. Allerdings hat die passive Immunisierung zwei Schwächen: sie wirkt nur ganz kurz (wenige Wochen), und bei vielen Erkrankungen existieren einfach keine Präparate mit Abwehrstoffen bzw. ist deren Wirkung unzureichend. Als Stärke der passiven Immunisierung sei aber angeführt, daß ihre Wirkung sofort einsetzt und nicht einige Wochen zum Schutzaufbau benötigt. Man unterscheidet die Übertragung homologer (d. h. von derselben Spezies [= Mensch] stammender Antikörper) und heterologer (von einer anderen Säugetierspezies [z.B.Pferd] stammender Antikörper), wobei die letztere mit beträchtlichen Gesundheitsrisken (allergische Erscheinungen auf Fremdeiweiß) verbunden ist.

Um gegen manche Krankheitserreger vorzugehen, benutzt man die beiden angeführten Methoden simultan: die aktiv/passive Simultanimpfung. Damit nützt man die Vorteile beider Maßnahmen. Einerseits tritt der Schutz sofort ein, andererseits wird ein langanhaltender Schutz induziert. Allerdings hat diese Methode den Nachteil, daß sie nur bei einigen wenigen Infektionen tatsächlich eingesetzt werden kann: Nämlich nur in jenen Fällen, in denen die passive Immunisierung das Angehen der aktiven Immunisierung nicht beeinträchtigt, was wiederum von der Art des eingesetzten (aktiven) Impfstoffes abhängt. Beispiele für die Simultanimmunisierung sind Tetanusprophylaxe nach Verletzungen, Tollwutprophylaxe nach Tierbissen, u. a. Nachfolgend seien die Charakteristika dieser beiden Methoden gegenübergestellt:

IMPFSTOFFE

ARTEN VON IMPFSTOFFEN

Antigene, das sind jene Strukturen eines Erregers, die im Organismus die Bildung von Antikörpern (Abwehrstoffen), hervorrufen, müssen in einem Impfstoff optimal "verpackt" werden, damit eine ideale Antwort des Organismus auf diese Antigene erfolgt. Die Ausbildung der Immunantwort soll derart gestaltet sein, daß l die Impfstoffzubereitung keine krankmachenden Eigenschaften besitzt und l die Immunantwort in der Ausbildung schützender Abwehrstoffe resultiert.

Wichtig dafür ist demnach, daß man genau weiß, welche Eigenschaften der Erreger hat, aus dem ein Impfstoff zubereitet werden soll und welche "Schlüsselantigene" für die Auslösung einer schützenden Immunantwort nötig sind.

Prinzipiell unterscheidet man

  • Lebendimpfstoffe und
  • Totimpfstoffe.

1.Lebendimpfstoffe

Es sind dies Impfstoffe, die einen lebenden und vermehrungsfähigen Keim enthalten. Die Einbringung eines solchen Keimes in den menschlichen Organismus ähnelt somit einer tatsächlichen Infektion aufs Haar, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Der im Impfstoff enthaltene Keim wird vorher seiner krankmachenden Eigenschaften (weitgehend) beraubt. Es bleiben aber - und das ist der zweite wesentliche Punkt - seine Eigenschaften, die zur Auslösung einer schützenden Immunantwort nötig sind, soweit wie möglich erhalten. Es wird aus diesen beiden Punkten klar, daß die Herstellung eines Lebendimpfstoffes eine Art Gratwanderung für den Produzenten ist: Wird der Erreger zu sehr abgeschwächt ("attenuiert"), so verliert er in den meisten Fällen auch seine immunologischen Eigenschaften, d. h. er wird keine Immunreaktion, die zu einem Schutzzustand gegen die Erkrankung führt, auslösen. Wird er zuwenig attenuiert, so bleiben zumindest teilweise seine krankmachenden Eigenschaften erhalten, und die Verträglichkeit des Impfstoffes wird schlechter, möglicherweise so stark, daß eine Impfung mit einem solchen Erreger der natürlichen Infektion mit allen Folgen gleichkommt. Hiezu kann als Beispiel die früher durchgeführte Pockenschutzimpfung dienen, deren Nebenwirkungen beachtlich waren. Eine Attenuierung eines Erregers zwecks Impfstoffherstellung kann - und dies ist von den Erregereigenschaften abhängig - auf verschiedenen Wegen erfolgen: Tierpassagen (ein Wirtswechsel ist oft unangenehm für Krankheitserreger und führt zum Verlust von krankmachenden Eigenschaften), Passagen über Kulturzellen oder Hühnereier und vieles andere mehr. Bei manchen Lebendimpfstoffen wird der ursprüngliche Krankheitserreger auch gentechnologisch verändert und verliert dadurch seine krankmachenden Eigenschaften. Lebendimpfstoffe haben den Vorteil, daß die ausgelöste Immunantwort der natürlichen Infektabwehr meist sehr ähnlich ist und daher der Schutz nach Lebendimpfungen lange anhält und besonders "hochwertig" ist. Sie haben den Nachteil, daß bei Personen mit Störungen des Immunsystems die Balance zwischen Impfstoff und Organismus gestört sein kann und "vergrabene" krankmachende Eigenschaften wieder zum Vorschein kommen, was dann zu vermehrten Nebenwirkungen führt.

2.Totimpfstoffe

In dieser Kategorie von Impfstoffen gibt es mehrere Untergruppen. Allen gemeinsam ist, daß entweder ganze, abgetötete Erreger oder Teile von diesen, jedenfalls aber kein vermehrungsfähiges Material mehr vorhanden ist. Es wird also dem Organismus nur eine ganz bestimmte Menge von antigenem Material zugeführt und damit auch nur eine sehr deutlich kontrollierte Immunantwort ausgelöst. Zumeist muß man bei Totimpfstoffen einen "Verstärker" zusetzen, eine Substanz, die die geringe Menge antigenen Materials dem Immunsystem optimal präsentiert, sodaß unser Immunsystem "auf Trab" gebracht wird. Die heute am häufigsten dafür verwendete Substanz ist Aluminiumhydroxid, und man bezeichnet diese Substanz im Zusammenhang mit Impfstoffen als "Adsorbat". Dieses Aluminiumhydroxid hat den kleinen Nachteil, daß es bei subkutaner Gabe unangenehme Reizungen des Unterhautgewebes hervorrufen kann. Bei sehr häufigen Impfungen kann es zu allergischen Erscheinungen (Rötung, Schwellung) an der Impfstelle kommen (häufig bei "schlampigen" Patienten, die ihre Tetanus-Impfkarten immer wieder verlieren und dann bei jeder kleinen Verletzung neu geimpft werden müssen). Wie auch in nebenstehender Tabelle zusammengefaßt, sind Totimpfstoffe sehr verschieden in der Zusammensetzung. Die Zusammensetzung ergibt sich aus den für einen Erreger erforschten wesentlichen Eigenschaften, zum Beispiel: Der Erreger des Tetanus, Clostridium tetani, ist für den Menschen überhaupt nicht gefährlich, solange er in einer inaktiven Form vorliegt. Erst wenn der Erreger sein Toxin (= Gift), das Tetanustoxin, produziert, bedeutet dies für den Menschen eine lebensgefährliche Erkrankung. Es ist also im Falle von Tetanus sinnvoll, nur gegen das Toxin zu immunisieren. Zu den einzelnen Impfstoffen wird dann in den jeweiligen Kapiteln Stellung genommen.

Kombinierbarkeit von Impfstoffen

Wie auch bei verschiedenen Medikamenten stellt sich auch bei Impfstoffen die Frage, ob man mehrere Impfungen gemeinsam bekommen darf oder ob durch solche Kombinationen entweder Nebenwirkungen vermehrt auftreten oder der Erfolg einzelner Impfungen in Frage gestellt wird. Dazu gibt es einige Grundregeln:

GRUNDREGELN

GRUNDREGELN FÜR DIE VERABFOLGUNG VON IMPFUNGEN

TOTIMPFSTOFFE (also alle Impfstoffe aus abgetöteten Erregern, Spaltprodukten etc.) können ohne zeitliches Intervall verabreicht werden.

LEBENDIMPFSTOFFE müssen zueinander (soferne nicht ausdrücklich im Beipackzettel anderes angegeben wird) Abstand haben, im Regelfall etwa vier Wochen. Ausnahme: Fixkombinierte Lebendimpfungen wie Masern/ Mumps/Röteln.

LEBENDIMPFSTOFFE UND TOTIMPFSTOFFE sind ohne zeitliches Intervall kombinierbar.

Die ANZAHL gleichzeitig verabreichter Impfstoffe ist unkritisch, mehr als sieben Impfungen sollten nicht am gleichen Tag verabreicht werden (einfach aus "Platzproblemen").

Die INJEKTIONSSTELLE sollte immer am Oberarm sein, nie die Gesäßregion; nur bei Säuglingen und Kleinkindern (bis etwa zum 18.Lebensmonat)sollte man in den Oberschenkel impfen.

Der entscheidende Punkt dabei ist, dass Impfungen den Organismus nicht "belasten", wie dies zum Beispiel bei einem Medikament der Fall wäre. Im Gegenteil: Impfungen stellen einen erwünschten Impetus an das Immunsystem dar, sie trainieren es. Impfabstände ergeben sich fast immer aus der Tatsache, dass manche Impfungen bei gleichzeitiger Gabe einfach einen teilweisen Wirkungsverlust erleiden würden. Siehe dazu auch die nebenstehende Tabelle.

Impfungen in der Schwangerschaft

Ein besonders sensibles Thema ist die Frage, ob bei bestehender Schwangerschaft geimpft werden darf oder sogar soll. Werdende Mütter haben sehr oft Angst, daß eine eventuelle Impfung dem Ungeborenen Schaden zufügen könnte. Diese Angst resultiert vor allem aus der Tatsache, daß sehr viele Medikamente, die man sonst als "harmlos" einstuft, in der Schwangerschaft verboten sind. Außerdem hat sich - nicht zuletzt aufgrund historischer Vorkommnisse - ein extremes Sicherheitsdenken etabliert, das besonders restriktiv mit dem Zustand "Schwangerschaft" umgeht. Dadurch gießt man ganz gerne das Kind mit dem Bad aus und sagt "überhaupt keine Impfungen in der Schwangerschaft". Dabei gibt es hier sehr klare Richtlinien, die in den nachfolgenden Tabellen zusammengefasst sind. Bei Durchsicht wird der Leserin auffallen, dass es keine einzige momentan gebräuchliche Impfung gibt, die in der Schwangerschaft mit einiger Wahrscheinlichkeit zu einer Fruchtschädigung führen könnte. Die angegebenen Vorsichtsmaßnahmen resultieren sehr oft aus traditionellen Überlegungen und sind eigentlich nicht mehr wirklich begründbar. Andererseits gilt es aber folgende Überlegung anzustellen: Jedes Neugeborene ist immunologisch "naiv", d. h. es hatte mit keinen Krankheitserregern schon Kontakt, und die üblichen Kinderimpfungen beginnen erst ab dem 4. oder 5. Lebensmonat zu wirken, manche Impfungen werden noch später gemacht. Der Säugling ist also just in seinen ersten Lebensmonaten sehr empfänglich für Infektionskrankheiten und natürlich noch nicht so widerstandsfähig wie ein Erwachsener. Es wäre also ideal, wenn die Mutter dem Säugling für diese ersten Lebensmonate eine Art Nestschutz mitgeben würde, also Antikörper gegen viele Infektionskrankheiten, gegen die das Neugeborene noch nicht immun ist. Dies geschieht auch. Allerdings gibt die Mutter dem Kind natürlich nur jene Antikörper mit, die sie selbst hat - ist also der Impfschutz der Mutter unzureichend, wird es auch der des Neugeborenen sein! Daher ist es zum Beispiel sehr sinnvoll, eine Tetanusimpfung noch in der Schwangerschaft durchzuführen, damit das Kind von Anfang an Abwehrstoffe gegen diese Erkrankung hat. Anders formuliert: Mütter tun mit manchen Impfungen in der Schwangerschaft ihren Kindern Gutes und schaden ihnen durchaus nicht!

ALLGEMEINE GESICHTSPUNKTE ZU IMPFUNGEN IN DER SCHWANGERSCHAFT (OBERSTER SANITÄTSRAT, 1991)

a) Totimpfstoffe, Toxoide können während der Schwangerschaft angewendet werden, sofern gut verträglich.

b) Attenuierte Lebend-Impfstoffe sollen während der Schwangerschaft nicht vorsätzlich angewendet werden. Sollte durch Zufall eine Lebendimpfung in der Schwangerschaft gegeben worden sein, so ist dies niemals ein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch! Keiner der in Österreich zugelassenen Impfstoffe birgt für das Ungeborene ein Missbildungsrisiko!