IMPFUNGEN
|
|
DER ÖSTERREICHISCHE IMPFPLAN
Der österreichische Impfplan hat - grob gesagt - folgende Zielsetzung:
Es soll gegen all jene Infektionskrankheiten immunisiert werden, bei denen das Krankheitsrisiko deutlich höher ist als das
Impfrisiko. Zum zweiten wird angestrebt, mit möglichst wenigen Stichen (Kleinkinder schätzen Impfungen ja im allgemeinen nicht)
gleichzeitig gegen möglichst viele Infektionskrankheiten zu schützen. Somit wird ein Impfplan wie der vorliegende stetig angepaßt werden
müssen: Einerseits an Veränderungen im Vorkommen von Infektionskrankheiten, andererseits werden die vorhandenen Impfstoffe
ständig verbessert und es geht der Trend immer stärker zu Kombinationsimpfstoffen.
Um diese Aussage etwas plastischer zu erklären ein Beispiel:
Die Impfung gegen Pocken war über 150 Jahre eine der wichtigsten Impfungen und jedes Kind wurde - trotz der häufigen und durchaus
unangenehmen Nebenwirkungen der Impfung - konsequent geimpft. Mitte der Achtziger Jahre wurde durch diese konsequente
Durchimpfung der Bevölkerung die Erkrankung ausgerottet und ein neuerliches Aufflackern der Pocken ist unmöglich. Damit ist die
Impfung nicht mehr sinnvoll und sie wurde auch aus dem Impfplan gestrichen. Heute stehen wir vor der Ausrottung der Kinderlähmung.
Noch gibt es diese teuflische Erkrankung, noch ist es sinnvoll zu impfen. In 10 Jahren wird vermutlich diese Impfung einfach nicht mehr
nötig sein und damit aus dem Impfplan zu streichen. Auch die Tuberkulose-Schutzimpfung ist im heutigen Impfplan nicht mehr
berücksichtigt, einfach weil eine generelle Schutzimpfung gegen TBC keinen sinnvollen Beitrag zur Volksgesundheit mehr liefert und heute
nur mehr bestimmte Risikogruppen geimpft werden, weil dort die Impfung etwas bringt.
Es sind in Zusammenhang mit dem Impfplan noch einige weitere wichtige Punkte ins Treffen zu führen:
Der Schutz vor Infektionskrankheiten ist am Beginn des Lebens besonders wichtig, er ist aber auch später von Bedeutung. Impfen kennt
kein Alter und ist während des ganzen Lebens die wichtigste präventivmedizinische Maßnahme. Impfungen haben auch in den meisten
Fällen eine begrenzte Schutzdauer, regelmäßige Auffrischungen sind daher zur Aufrechterhaltung des Schutzzustandes unerläßlich!
Die Forderung aller Impffachleute geht heute dahin, kombinierte Impfstoffe in den Handel zu bringen. Hier stehen aber große Probleme
an: Bei einem Kombinationsimpfstoff können nicht einfach die einzelnen Komponenten zusammengemischt werden, sondern es ist eine
mühselige Arbeit, die Zusammensetzung so zu optimieren, daß kein Wirkungsverlust der Einzelkomponenten eintritt oder die
Verträglichkeit leidet.
Die in den Tabellen angegebenen Impftermine sind Empfehlungen für den optimalen Zeitpunkt. Ein Versäumen des optimalen Zeitpunktes
bedeutet nicht, daß die Impfung dann einfach "unter den Tisch" fällt. Wird aus irgendeinem Grund ein Impftermin versäumt so kann und
soll jede der angegebenen Impfungen zum nächstmöglichen Impftermin durchgeführt werden.
Die einzelnen Impfungen werden dann mit den zugehörigen Krankheitsbildern in den folgenden Einzelkapiteln besprochen.
Infektionskrankheiten vor denen geschützt werden muß (Übersicht)
|
WIRKUNG
|
|
Wie wirkt eine Impfung ?
Einleitung
Die Entwicklung der Impfungen beruht auf der Beobachtung, daß Personen, die eine Infektionskrankheit durchgemacht haben, bei einem
neuerlichen Kontakt mit demselben Krankheitserreger nicht mehr erkranken. Die durchgemachte Erkrankung hat im Körper eine
Erinnerung hinterlassen. In ähnlicher Weise löst die Impfung mit einem Erreger eine Schutzreaktion im Körper aus. Man umgeht mit
diesem Vorgehen die möglichen bleibenden Folgewirkungen der Infektionserkrankungen (Anfallsleiden, Lähmungen, Behinderungen).
Der Körper reagiert auf Erreger (genauso wie auf Impfungen) in unterschiedlicher Weise. Der Grund dafür liegt an der Tatsache, daß
einerseits die Erreger und andererseits die Eintrittspforten der einzelnen Erreger in den Körper sehr unterschiedlich sind.
Das Immunsystem: angeboren und erworben
Das Immunsystem besteht aus zwei Teilsystemen: das "unspezifische Abwehrsystem" mit seinen angeborenen Abwehrmechanismen und
das "spezifische Abwehrsystem", das lebenslang in der Auseinandersetzung mit Krankheitserregern dazulernt, durch durchgemachte
Erkrankungen und durch Impfungen. Die Abwehrfähigkeit des spezifischen Abwehrsystems nennen wir Immunität.
Der Körper als Festung
Stellen Sie sich den Körper als eine Festung vor, die sich vor feindlichen Eindringlingen (= Erreger) schützen muß. Um Eindringlinge
rasch und effizient abwehren zu können, ist eine gut ausgebildete Schutzmannschaft (= weiße Blutkörperchen) erforderlich. Diese
Ausbildung kann durch Erfahrung (= durchgemachte Erkrankung) oder durch Schulung (= Impfungen) erreicht werden. Die Schulung
erfolgt in mehreren Kursen (= Teilimpfungen), bei denen das Umgehen mit unterschiedlichen Eindringlingen geübt wird. Dieses Training
muß anfänglich bis zur Perfektion wiederholt werden (= Grundimmunisierung). Damit das Gelernte nicht vergessen wird, müssen im
späteren Verlauf immer wieder Auffrischungskurse (= Auffrischungsimpfungen) durchgeführt werden.
Die Eindringlinge verwenden unterschiedliche Hilfsmittel und Wege bei ihrem Einbruchsversuch in die Festung. So ist es auch zielführend
die Schutzmannschaft in kleine Abwehrgruppen aufzuteilen, die sich jeweils mit einem bestimmten Eindringling und seinen Methoden
besonders ausführlich beschäftigen. Diese kleinen Abwehrgruppen benützen dann auch eigens für den Eindringling konzipierte
Abwehrstoffe (= Schutzantikörper). Manche Abwehrgruppen bilden besonders kräftige Verteidiger aus (= Zell-vermittelte Abwehr).
Das Immunsystem lernt aus Krankheiten und Impfungen
Wenn ein Erreger in den Körper
gelangt, wehrt das Immunsystem
durch eine genau auf den Erreger
zugeschnittene Reaktion ab. Dieser
Abwehrvorgang kann unbemerkt
bleiben, sich als leichtes Unwohlsein
äußern oder auch als unterschiedlich
schwere Erkrankung erlebt werden
(Abbildung 1)
Aufgrund einer Art von Gedächtnis
erkennt das Immunsystem
Eindringlinge, mit denen es sich
einmal beschäftigt hat, auch nach
langen Jahren wieder. Dann läuft der
Abwehrmechanismus in so rasantem
Tempo ab, daß der Mensch gar
nicht erst "richtig" krank wird. Diese
Lernfähigkeit macht man sich bei
Impfungen zunutze.
Vier verschiedene Abwehrmechanismen
Kommen wir zurück zu unserem Vergleich des Körpers mit einer Festung und ihrer Schutzmannschaft, die in spezialisierte
Abwehrgruppen aufgegliedert ist. Im wesentlichen werden vier unterschiedliche Methoden angewandt.
Die erste Abwehrgruppe hat die Aufgabe Eindringlinge nach Möglichkeit bereits am Zutritt in die Festung zu hindern. Sie bewacht die
Eingänge (= Körperöffnungen), hält Eindringlinge auf (= durch Schutzantikörper G und A) und entwaffnet sie (= Giftstoffe werden
unwirksam gemacht).
Diesen Abwehrmechanismus setzt der Körper bei den Erregern von Keuchhusten (Pertussis), Cholera und Kinderlähmung (Polio)
eingesetzt (Abbildung 2).
Wenn es der ersten Gruppe nicht gelingt die Eindringlinge aufzuhalten, gelangen diese in das Innere der Festung (= Blutbahn). Dort
patroulliert die zweite Abwehrgruppe. Sie hat die Aufgabe mit speziellen Hilfsmitteln (= Schutzantikörper G und M) die Eindringlinge zu
entdecken, zu entwaffnen und zu kennzeichnen, damit sie von Spezialisten abgeführt werden können.
Diesen Abwehrmechanismus setzt der Körper bei den Erregern von Diphterie und Masern und bei Haemophilus influenzae b ein
(Abbildung 3).
Manchen besonders kleinen und schlauen Eindringlingen (= Viren) gelingt es doch Schlupfwinkel in der Festung zu finden. Um selber
überleben zu können, dringen sie in Festungsbewohner ein. Diese "befallenen" Festungsbewohner sind jedoch auffällig. Das wiederum
mobilisiert die dritte Abwehrgruppe (= zytotoxische weiße Blutkörperchen). Um eine Ausbreitung der Eindringlinge in noch mehr
Bewohner zu verhindern, müssen die Befallenen beseitigt werden, sie werden verstoßen und müssen die Festung verlassen.
Eine besondere Aufgabe kommt der vierten Abwehrgruppe zu (= Zell-vermittelte Abwehr). Diese wird dann eingesetzt, wenn sich
bestimmte hartnäckige Eindringlinge im Inneren der Festung gut verschanzt haben. Durch Boten bekommen die Mitglieder der vierten
Abwehrgruppe Nachricht über die verschanzten Eindringlinge. Angefeuert durch die Berichte der Boten bereiten sich die kräftigen und
gut ausgebildeten Kämpfer mit speziellem Rüstzeug auf den Einsatz vor. Sie dringen in die Verstecke vor und vernichten (= fressen) die
Eindringlinge. Dieser Abwehrmechanismus wird bei dem Erreger der Tuberkulose eingesetzt.
Wege zur Immunität
Drei Wege führen zu einer guten Ausbildung der Schutzmannschaft (= Immunität).
Am nachhaltigsten lernt sie durch die praktische Erfahrung (= durchgemachte Erkrankung). Dies birgt jedoch die Gefahr von bleibenden
Schädigungen.
Große Erfolge mit geringerem Risiko erzielt man mit realitätsnahem Training mit "stumpfer Klinge" (= Lebendimpfstoffe, s.später).
Als dritte und noch risikoärmere Methode kommt die Übung an guten Modellen in Frage (= inaktivierte Impfstoffe).
Wenn als weitere Möglichkeit Abwehrgruppen nur für kurze Zeit leihweise der Festung von außen zur Verfügung gestellt werden (=
Leihimmunität, z.B. Nestschutz durch mütterliche Schutzantikörper während der ersten Lebensmonate des Säuglings), spricht man
passiver Immunität.
Erfolglose Impfung
In der Regel führt ein ordnungsgemäß durchgeführtes Training (= Impfung) zu einer guten Abwehrkraft der Festungsmannschaft (=
Immunität des Körpers). In Einzelfällen hat das Training jedoch nicht den gewünschten Erfolg, sodaß die Abwehrkraft lückenhaft ist oder
gänzlich fehlt (= Impfversager).
|