Immunisierungsarten und Impfstoffe

Mit Schutzimpfungen wird im Körper eine natürliche Infektionserkrankung nachgeahmt. Als Antwort auf Schutzimpfungen kommt es im Körper, wie nach jeder anderen Infektion, zu einer Immunantwort. Im Falle von Schutzimpfungen kann hilft diese Immunantwort, zukünftig vor neuen Infektionen zu schützen. Die erste Schutzimpfung, die Pockenimpfung, wurde im Jahre 1796 von Edward Jenner entwickelt. Dank dieser kostbaren medizinischen Errungenschaft war es letztendlich möglich, die Pocken schliesslich im Jahr 1980 weltweit auszurotten.

Schutzimpfungen haben den großen Vorteil, dass sie nicht nur die geimpfte Person schützen, also einen Individualschutz induzieren, sondern auch sie können auch dazu beitragen, dass Erreger von Infektionskrankheiten vermindert weitergegeben werden. Ein Beispiel hierfür sind Rotaviren, die Erreger von kindlichem Brechdurchfall, Bordetella pertussis, das Keuchhusten verursacht, oder Streptokokkus pneumoniae, ein häufiger Erreger von bakterieller Meningitis, Blutvergiftung, Lungenentzündung und Mittelohrentzündung. Man spricht hier von Herdenimmunität. Es werden also ungeimpfte Menschen indirekt durch die konsequente Durchimpfung sämtlicher Kontaktpersonen geschützt, was besonders wichtig bei jenen Personen ist, welche gegen manche Erkrankungen nicht geimpft werden können, wie zum Beispiel Säuglinge oder Immunsupprimierte.

 

Arten der Immunisierung

 

Um den menschlichen Organismus gegenüber fremden Mikroorganismen unempfindlich zu machen, stehen grundsätzlich zwei grundsätzliche Möglichkeiten zur Verfügung:

•             aktive Immunisierung und

•             passive Immunisierung.

 

Aktive Immunisierung

Die aktive Immunisierung bedeutet also, dass der Organismus eine aktive Leistung zustande bringen muss. Wie er „Antikörper“ bildet, ist im entsprechenden Kapitel detailliert beschrieben. Es handelt sich hier um eine aktive, komplizierte Leistung des Körpers, für die der Organismus Zeit benötigt, in der Regel einige Wochen. Der Vorteil ist, dass das gesamte Immunsystem aktiviert und meistens ein Erinnerungsvermögen ausgebildet wird, sodass bei einem späteren Kontakt mit demselben Krankheitserreger schnell große Mengen an Abwehrstoffen wie Antikörper produziert werden können. Eine aktive Immunisierung kann zum einen durch die Erkrankung selbst verursacht werden, allerdings um den Preis der Erkrankung und aller verbundenen Beschwerden und Komplikationen, oder aber durch eine so genannte „stille Feiung“. Das bedeutet, eine Infektion wird wie bei Erkrankung durchgemacht, es kommt jedoch zu keinen Krankheitszeichen oder Beschwerden. Die weitere Möglichkeit der aktiven Immunisierung sind eben Impfungen.

Passive Immunisierung

Bei der passive Immunisierung verhält sich der Organismus, wie der Name schon vermuten lässt, passiv. Es werden die gegen die jeweilige Erkrankung benötigen Abwehrstoffe (Antikörper) zugeführt. Diese können Krankheitserreger neutralisieren und damit Erkrankungen verhindern. Allerdings hat die passive Immunisierung einige Nachteile: die Antikörper werden abgebaut, weshalb nur kurze Zeit ein Schutz gegeben ist, meistens wenige Wochen. Das Immunsystem hat hier auch keine Möglichkeit, ein Gedächtnis aufzubauen und dadurch ist man bei erneutem Kontakt mit dem Krankheitserreger nach Abbau der Antikörper wie vor der passiven Immunisierung ohne Schutz. Für viele Erkrankungen gibt es keine Antikörper-Präparate bzw. ist deren Wirkung unzureichend, und die Präparate sind vergleichsweise teuer. Der große Vorteil der passiven Immunisierung ist, dass ein Schutz gegen die Erkrankung sofort gegeben ist und nicht erst nach einigen Wochen einsetzt.

Bei Antikörperpräparaten unterscheidet man homologe (d.h. von derselben Spezies [= Mensch] stammender Antikörper) und heterologe (von einer an- deren Säugetierspezies [z.B. Pferd] stammender Antikörper), wobei die letztere mit beträchtlichen Gesundheitsrisiken (allergische Erscheinungen auf Fremdeiweiß) verbunden ist.
Eine Sonderform der passiven Immunisierung bezeichnet man in der Schwangerschaft die diaplazentare (über die Placenta/Mutterkuchen) Immunisierung, wo mütterliche Antikörper über die Placenta auf das ungeborene Kind übertragen werden. Dieser Mechanismus ist wichtig, um dem neugeborenen Kind für die ersten Lebenswochen einen gewissen Schutz gegen diverse Infektionskrankheiten „mitzugeben“ und lässt erahnen, wie wichtig ein umfassender Impfschutz Schwangerer ist. Genauere Details hierzu sind erwähnt im Kapitel Schwangerschaft.

 

In manchen Situationen bedient man sich der Vorteile der aktiven und passiven Immunisierung gleichzeitig, man führt eine sogenannte gleichzeitige „aktiv/passive Simultanimpfung“ durch. Dadurch wird erreicht, dass man einerseits sofort gegen eine Erkrankung geschützt ist, andererseits wird ein lange anhaltender Schutz induziert. Praktisch wird diese Methode jedoch nur bei wenigen Infektionen tatsächlich eingesetzt, nämlich nur dann, wenn die passive Immunisierung das Angehen der aktiven Immunisierung nicht beeinträchtigt. Dies ist abhängig vom verwendeten aktiven Impfstoff. Simultanimpfungen werden eingesetzt als Tetanusprophylaxe nach Verletzungen oder Tollwutprophylaxe nach Tierbissen.

 

 

 

Arten von Impfstoffen

 

Antigene, das sind jene Strukturen eines Erregers, die im Organismus die Bildung von Antikörpern (Abwehrstoffen) hervorrufen, müssen in einem Impfstoff optimal „verpackt“ werden, damit eine optimale Antwort des Organismus, also Bildung von Antikörpern, auf diese Antigene erfolgt.

Die Ausbildung der Immunantwort soll derart gestaltet sein, dass

•             die Impfstoffzubereitung keine krankmachenden Eigenschaften besitzt und

•             die Immunantwort in der Ausbildung schützender Abwehrstoffe/ Abwehrzellen resultiert.

Wichtig dafür ist demnach, die genauen Eigenschaften des Erregers zu kennen, aus dem ein Impfstoff zubereitet werden soll und welche „Schlüsselantigene“ für die Auslösung einer schützenden Immunantwort nötig sind.

Prinzipiell unterscheidet man zwischen Lebendimpfstoffen und Totimpfstoffen.

 

Lebendimpfstoffe

Lebensimpfstoffe enthalten lebende und vermehrungsfähige Keime, deren Krankheitspotential derart abgeschwächt ist, dass bei gesunden Personen keine Erkrankung ausgelöst wird (man spricht von „attenuiert“). Die Einbringung eines solchen Keimes in den menschlichen Organismus gleicht somit einer natürlichen Infektion, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: weil der Impfstofferreger seiner krankmachenden Eigenschaften (weitgehend) beraubt wurde, kommt es zu keiner klinischen Erkrankung. Das Wichtige ist, dass die Eigenschaften, die zur Auslösung einer schützenden Immunantwort nötig sind, erhalten bleiben. Es handelt sich hier also um eine Art Gratwanderung für den Produzenten: Wird der Erreger zu sehr abgeschwächt, so verliert er in den meisten Fällen auch seine immunologischen Eigenschaften. Das bedeutet, es wird keine Immunreaktion ausgelöst, die zu einem Schutz führt. Wird er jedoch zu wenig attenuiert, so bleiben zumindest teilweise seine krankmachenden Eigenschaften erhalten, und die Verträglichkeit des Impfstoffes wird schlechter. Im schlimmsten Fall könnte so eine Impfung mit einem solchen Erreger der natürlichen Infektion mit allen Folgen gleichkommen.

Es gibt mehrere Methoden zur Abschwächung der Erregers zur Impfstoffherstellung, und diese sind abhängig von den Eigenschaften der Krankheitserreger:

 

Lebendimpfstoffe haben den Vorteil, dass die ausgelöste Immunantwort der natürlichen Abwehr von Infektionen sehr ähnlich ist und daher der Schutz nach Lebendimpfungen lange anhält und besonders „hochwertig“ ist. Bei Personen mit Störungen des Immunsystems, wie z. B. Personen unter Chemotherapie, mit fortgeschrittener HIV-Infektion oder Immundefekten, können diese Lebendimpfstoffe jedoch einen Nachteil haben. Im schlimmsten Fall kann die Erkrankung verursacht werden, gegen die geimpft wurde, weil die Balance zwischen Impfstoff und Organismus gestört ist und „vergrabene“ krankmachende Eigenschaften wieder zum Vorschein kommen.

 

Totimpfstoffe

In Totimpfstoffen befindet sich kein vermehrungsfähiges Material, sie enthalten abgetötete Erreger oder Teile von diesen.

Bei Totimpfstoffen wird dem Organismus nur genau die Menge von antigenem Material zugeführt, die für eine effektive und schützende Immunantwort notwendig ist. Hier kommt es also zu einer sehr kontrollierten Immunantwort. Den meisten Totimpfstoffen werden zur qualitativen und quantitativen Verstärkung der Immunantwort sogar Hilfssubstanzen („Adjuvantien“) zugesetzt, auch um die Menge des Antigens selbst möglichst gering zu halten und um eine ideale Immunantwort auszulösen. Diese Adjuvantien präsentieren das antigene Material des Impfstoffs dem Immunsystem optimal und dieses wird aktiviert. Diese Präsentation des Antigens wird durch lokales Binden des Antigens erreicht, es wird verzögert freigesetzt. Zusätzlich werden dadurch verschiedene Komponenten des Immunsystems (Komplementsystem, antigenpräsentierende Zellen) aktiviert.

Die heute am häufigsten verwendeten Adjuvantien sind Aluminiumsalze wie Aluminiumhydroxide oder Aluminiumphosphat. Impfstoffe, die derartige Substanzen enthalten, werden als „Adsorbatimpfstoffe“ bezeichnet. Adjuvantien haben den kleinen Nachteil, dass sie bei subkutaner Gabe unangenehme Reizungen des Unterhautgewebes hervorrufen können. Wird sehr oft geimpft, so kann es zu Fremdkörperreaktionen in Form von Rötung und Schwellung an der Impfstelle kommen. Dies kann bei „schlampigen“ Patienten, die ihre Tetanus-Impfkarten immer wieder verlieren und bei jeder kleinen Verletzung oftmals neu geimpft werden müssen, relevant werden.

Totimpfstoffe sind sehr verschieden in der Zusammensetzung; prinzipiell kann man drei Formen von Totimpfstoffen unterscheiden:

 

Genauere Details zu den einzelnen Impfstoffen werden in den jeweiligen Kapiteln der Impfstoffe erörtert.

Aus Gründen der Aktualität soll hier ein kurzes Kapitel über Aluminiumhydroxid, das wichtigste Adjuvans in Impfstoffen, eingefügt werden. Völlig zu unrecht wird dem Aluminiumhydroxid in Impfstoffen nämlich unterstellt, möglicherweise krankmachende Wirkungen zu haben, wobei diese nicht genauer definiert sind, aber von geradezu abstrusen Ideen wie einem Zusammenhang mit Alzheimer, mit Brustkrebs oder dem Golfkriegssyndrom geprägt sind.

Aluminium ist erstens ein Bestandteil unserer Umgebung und auch unserer Nahrung, wir nehmen Aluminium regelmässig in unterschiedlichen Mengen auf und scheiden es auch über die Niere wieder aus. Die Dosis Aluminium, die nötig ist, um Vergiftungserscheinungen auszulösen, ist unbekannt und dürfte in einem ähnlichen Bereich wie die akute Toxizität von Kochsalz liegen[1], es gibt keinen Hinweis auf mutagene oder kanzerogene Eigenschaften.

Aluminiumhydroxid wird seit 1925 (!) in Impfstoffen eingesetzt, es wurde mittlerweile mehrere Milliarden mal weltweit verabreicht und es gibt aus der Arzneimittelüberwachung keinerlei Anhalt für irgendwelche durch diese Substanz ausgelösten Nebenwirkungen, abgesehen davon, dass lokale Reaktionen an der Impfstelle durch eine vorübergehende Entzündungsreaktion auftreten können. Eine einzige Erkrankung wird in einen (bisher aber nicht bewiesenen) Zusammenhang gebracht: MMF (makrophagische Myofasciitis), eine entzündliche Muskelerkrankung. Da diese Erkrankung auch ohne vorangegangene Impfung bekannt ist und es gute Hinweise auf eine genetische Veranlagung bestimmter Personen gibt, wird auch dieser Zusammenhang als fragwürdig eingestuft.

Aluminiumhydroxid liegt zudem in Impfstoffen in einer schwerlöslichen Form vor – das muss so sein, denn deshalb wird das Aluminiumhydroxid als Adjuvans: Die Impfstoffantigene befinden sich auf dem Aluminiumhydroxid-Partikel, sind dadurch schwer abbaubar und werden nur langsam freigesetzt, was wiederum einen Vorteil für die Immunantwort des Organismus hat. Viele Impfstoffe wären ohne dieses Adjuvans gar nicht möglich.

Wenn man die Menge an Aluminiumhydroxid aller Impfstoffe der ersten beiden Lebensjahre zusammenzählt, so kommt man je nach verwendeter Arzneimittelspezialität auf 2,2-4,0 mg Aluminium total. Die europäische „food safety organisation“ erlaubt als Grenzwert in der Nahrung etwa 1mg/kg pro Woche (!!), die WHO das Doppelte und die USA Behörden sogar das Siebenfache pro Woche. Aus deisen Relationen wird klar, dass die minimalen Mengen Aluminiumhydroxid in Impfstoffen gegenüber den Mengen an Aluminium, die wir tätglich zu uns nehmen, einfach vernachlässigbar sind. Dieser Meinung sind auch das Institute of Medicine in den USA und die WHO (http://www.who.int/vaccine_safety/committee/reports/Jun_2012/en/). Das deutsche Paul Ehrlich Institut hat ebenfalls kürzlich eine Sicherheitsbewertung herausgegeben, die deutlich macht, dass Aluminium in Impfstoffen unbedenklich ist[2]. Auch der österreichische Impfplan gibt eine klare Stellungnahem zur Unbedenklichkeit von Aluminiumhydroxid ab (siehe dort).

Kombinierbarkeit von Impfstoffen

Wie bei verschiedenen Medikamenten, stellt sich auch bei Impfstoffen immer wieder die Frage, ob mehrere Impfungen gemeinsam verabreicht werden dürfen. Die Sorge ist, ob es durch Kombinationen mehrerer Impfstoffe zu vermehrten Nebenwirkungen kommen kann oder die Impfungen ausreichend wirken.

Prinzipiell kann man dazu sagen, dass alle Totimpfstoffe (also alle Impfstoffe aus abgetöteten Erregern, Spaltprodukten etc.) ohne bestimmte zeitliche Intervalle verabreicht werden können. Wie viele Impfungen gleichzeitig verabreicht werden können, hängt hier allein von der „Leidensfähigkeit“ des Patienten ab. Ein weiterer limitierender Faktor ist der „Platz“ zur intramuskulären Verabreichung der Impfungen: bei mehr als 3 Impfungen pro Arm könnte es zu einem Platzproblem kommen.

Lebendimpfungen hingegen können gleichzeitig, jedoch an unterschiedlichen Impfstellen (eine Impfung rechts, eine Impfung links, sofern vom Hersteller erlaubt) oder in einem Abstand von vier Wochen verabreicht werden. Dies ist wichtig, damit die Wirkung des Impfstoffes optimal ist.

Lebendimpfstoffe und Totimpfstoffe können ohne bzw. in beliebigen zeitlichen Intervallen verabreicht werden.

Diesen medizinischen Regeln steht aber in manchen Fällen eine regulatorische Hürde entgegen: In den Beipackzetteln mancher Impfstoffe steht explizit, dass sie mit anderen Impfstoffen nicht parallel verabreicht werden dürfen. Solche Einschränkungen entstehen aus dem Mangel von Studien, die anlässlich der Zulassung des Impfstoffes aus formalen Gründen zu dieser Beschränkung geführt haben, da man keine Daten zu bestimmten Kombinationen hatte.

Injektionsstelle

Prinzipiell sollten alle Impfstoffe im Bereich des Oberarms verabreicht werden: intramuskulär zu verabreichende Impfungen werden dabei in den Oberarmmuskel (Musculus deltoideus) verabreicht, subkutan zu verabreichende Impfstoffe ebenfalls in dieser Region, jedoch ins Unterhautfettgewebe. Die Wirksamkeit der Impfungen ist an dieser Stelle erprobt und sichergestellt und Impfungen sollten keinesfalls in der Gesäßregion verabreicht werden. Bei Säuglingen und Kleinkindern (bis zu zirka 2 Jahren in Abhängigkeit des körperlichen Entwicklungszustandes des Kindes) werden Impfungen in den Oberschenkel verimpft.

Impfungen – eine Belastung für den Organismus?

Impfungen „belasten“ den Organismus nicht, wie dies zum Beispiel bei einem Medikament der Fall wäre. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang diskutiert wird, besteht darin, ob Impfungen den Organismus immunologisch überfordern würden. Kinder erhalten immerhin bereits ab dem Alter von 2 Monaten zahlreiche Schutzimpfungen. Eltern äußern immer wieder ernste Bedenken, ob man das kindliche Immunsystem mit diesem großen Angebot nicht „überlaste“ und damit die Kinder für andere Infekte anfälliger mache.

Dieser Frage widmete sich ein ausgezeichneter Artikel (Offit et al., Pediatrics, 109; 1; 124–129, 2002), aus dem auch die folgende Tabelle adaptiert übernommen wurde[3].

Nach Untersuchungen über die Diversität von Antigenrezeptoren besteht allgemein Klarheit, dass das Immunsystem eine an sich ungeheure Kapazität hat, auf Antigene zu antworten. Diese (theoretische) Kapazität liegt in einer Größenordnung von 109 bis 1011 verschiedener Antikörperspezifitäten. Limitiert ist diese Kapazität auf ein tatsächliches Maß durch die Anzahl an zirkulierenden B-Zellen. Geht man von der hypothetischen Annahme aus, dass ein Impfstoff hundert verschiedene Antigene enthält (siehe dazu die untenstehende Tabelle), so könnte das Immunsystem kapazitätsmäßig bei etwa 107 B-Zellen pro ml Blut (durchschnittlicher Standardwert) auf 10.000 Impfstoffen gleichzeitig eine effektive Immunantwort bilden. Bereits eine Woche später wäre die volle Kapazität wiederhergestellt.

Wenn man den heute verwendeten sechsfach-Impfstoff plus dem empfohlenen 10-valenten Pneumokokkenimpfstoff parallel gibt, so verabreicht man dem Kind ungefähr 57 Antigene (Tabelle) und lastet damit 0,057 % des Immunsystems aus. Werden alle empfohlenen Impfstoffe 2015 der ersten beiden Lebensjahre verabreicht inklusive Varicellen, Meningokokken C, Hepatitis A und FSME, so werden max. 208 immunogene Proteine verabreicht (hinsichtlich Pneumokokken und Rotavirus abhängig vom verwendeten Impfstoff), dabei ist das Immunsystem zu 0,21% ausgelastet. Von einer Überlastung des kindlichen Immunsystems durch die Kombinationsimpfungen zu sprechen, ist also einfach unsinnig.

 

 

 

 

1960

1980

2000

2015

Vaccine

Proteine

Vaccine

Proteine

Vaccine

Proteine

Vaccine

Proteine

Pocken

200

Diphtherie

1

Diphtherie

1

Diphtherie

1

Diphtherie

1

Tetanus

1

Tetanus

1

Tetanus

1

Tetanus

1

Pertussis WC*)

3.000

Pertussis AC

2–5

Pertussis AC

2–5

Pertussis WC*)

3.000

Polio

15

Polio

15

Polio

15

Polio

15

Masern

10

Masern

10

Masern

10

Summe

3.217

Mumps

9

Mumps

9

Mumps

9

 

 

Röteln

5

Röteln

5

Röteln

5

 

 

Summe

3.041

Varicellen

69

Varicellen

69

 

 

 

 

Hämophilus

2

Hämophilus

2

 

 

 

 

Pneumokokken

8

Pneumokokken

13 bzw. 14

 

 

 

 

Hepatitis B

1

Hepatitis B

1

 

 

 

 

Summe

123–127

Hepatitis A

3

 

 

 

 

 

 

Meningokokken C

2

 

 

 

 

 

 

Rotavirus

12 bzw 60

 

 

 

 

 

 

FSME

1

 

 

 

 

 

 

Summe

Max 208

Tabelle: Anzahl immunogener Proteine und Polysaccharide in Impfstoffen seit 1960[4]

(adaptiert nach: Offit et al., Pediatrics 2002); Pertussis AC: azelluläre Pertussisvakzine

*) Schätzung für die Pertussis Ganzzellvakzine (Pertussis WC)

 

Impfschemata

Die Angaben der Impfstoffhersteller für die Verabreichungsfolge der jeweiligen Impfstoffe ist durchaus unterschiedlich und hat einerseits manchmal handfeste evidenzbasierte medizinische Gründe, andererseits oftmals auch nicht begründbare traditionelle Hintergründe.

Lebendimpfungen zielen darauf ab, im Organismus eine Immunreaktion auszulösen, die der natürlichen sehr nahe kommt. Daher wird oftmals nur eine einzige Impfung ausreichend sein, um einen sehr langen, vielleicht sogar lebenslangen Schutz zu garantieren, ähnlich, wie z.B. nach durchgemachten Masern eine lebenslange Immunität besteht. Oftmals wird aber auch bei diesen Lebendimpfungen eine zweifache Immunisierung angeraten (z.B. Masern/Mumps/Röteln). Dies begründet sich in der Erkenntnis, dass Lebendimpfungen nicht immer beim ersten Mal „angehen“, d.h. sofort einen Impferfolg schaffen. Das kann mehrere Gründe haben, wie z.B. eine zu geringe Vermehrung des Impfvirus an der Injektionsstelle oder das Vorhandensein von zu hohen Konzentrationen unspezifischer Abwehrstoffe im Impfling.

Inaktivierte Impfstoffe sind hier vollkommen anders. Hier ist die mehrteilige Immunisierung Teil des Erfolgsrezeptes, denn jede Teilimpfung hat ihre bestimmte „Aufgabe“, die stark schematisch so aussieht:

1.Impfung („priming des Immunsystems“), d.h. es erfolgt an unser Immunsystem eine Erstinformation über dieses spezielle Antigen und eine Prüfung unseres T-Zell Repertoires auf jene T-Zellen, die für eine Abwehr das höchste Potential haben
2.Impfung nach 4 Wochen (Ausbildung der memory und erste AK-Antwort), es entstehen die ersten antigenspezifischen Effektorzellen und es wird ein langlebiges Gedächtnis angelegt, das aus Zellen besteht, die bei erneutem Auftreten des jeweiligen Antigens im Körper sich blitzartig zu teilen beginnen und Antikörper bilden, die für die Abwehr bereitstehen.
3.Impfung nach 6-12 Monaten (1.“Booster“: hohe Antikörpertiter und hochavide AK‘s). Hier nützt man die im zweiten Schritt induzierten Effekte im Immunsystem bereits aus, um  langfristig und besonders hochwertigen Schutz zu induzieren, etwas das dann in ähnlicher Weise auch durch
4. „Boosterungen“ in konstanten Abständen passiert.

Diese Schritte sind nicht bei jeder Impfung konstant. Sehr viel hängt vom verimpften Antigen ab und von den Signalen, die dieses Antigen bei Kontakt mit dem Immunsystem auslöst. Zahlreiche Faktoren, wie Rezeptoren an den Immunzellen, induzierte Botenstoffsignale und nicht zuletzt auch das „Überleben“ des Antigens nach den Attacken der unspezifischen Abwehr machen die immunologischen Induktionsvorgänge hoch variabel. Dies wirkt sich auch auf die Impfschemata aus.

Die derzeit gepflogenen Impfabstände für die Grundimmunisierung bei inaktivierten Vakzinen sind zumeist empirisch festgelegt worden, sind oft traditionell beeinflusst, nehmen Rücksicht auf die Praktikabilität und die Kompatibilität mit anderen Impfstoffen und versuchen natürlich auch kostengünstig zu sein. Dies ist nicht immer im Einklang mit den tatsächlichen immunologischen Erfodernissen sondern repräsentiert einen Mittelweg. Vor allem bei alten Impfstoffen, bei denen die Zulassungsbedingungen noch deutlich weniger streng waren, sind alternative Impfschemata wenig untersucht.
Dass Spielraum vorhanden ist, zeigt die Tatsache, dass bei vielen Impfstoffen mehrere Schemata zur Immunisierung zugelassen sind, wie z.B. bei FSME-Impfung, bei Hepatitis A+B Impfung oder jüngst bei Japan Encephalitis und Tollwut.

Demnach entsteht oft bei Personen mit irregulärem, sprich nicht den genau geforderten Impfabständen gemäss Zulassung erfolgten Impfabständen, das Dilemma, ob eine begonnene Impfung einfach weitergeführt werden kann oder ob man neu beginnen muss. Hier steht dem formal geforderten das medizinisch machbare entgegen und diese Entscheidung muss für den Einzelfall getroffen werden. Dazu finden sich auch weiterführende Hinweise im Kapitel über die Impferfolgskontrolle sowie bei den einzelnen Impfstoffen. Es gilt aber die Grundregel, dass einmal begonnene Impfschemata nur in Ausnahmefällen komplett neu begonnen werden müssen.



[1] Schlatter et al, Sozial- und Präventivmedizin 1986,

Paul Ehrlich Institut, 2014

[2] www.pei.de/DE/arzneimittelsicherheit-vigilanz/

 

[3] Offit PA, Quarles J, Gerber MA, Hackett CJ, Marcuse EK, Kollman TR, Gellin BG, Landry S. Addressing parents' concerns: do multiple vaccines overwhelm or weaken the infant's immune system? Pediatrics. 2002 Jan;109(1):124-9. Review

[4] Offit PA, Quarles J, Gerber MA, Hackett CJ, Marcuse EK, Kollman TR, Gellin BG, Landry S. Addressing parents' concerns: do multiple vaccines overwhelm or weaken the infant's immune system? Pediatrics. 2002 Jan;109(1):124-9. Review.