Meningokokken-Meningitis (Meningitis epidemica,  eitrige  Gehirnhautentzündung)

Erreger:

Meningokokken, d.h. gramnegative Bakterien (Neisseria meningitidis); es gibt 13 serologisch unterscheidbare Gruppen und innerhalb dieser weitere Subtypen.

Infektionsquelle:

gesunde Bakterienträger, die die Keime im Nasen- Rachenraum beherbergen, Erkrankte.

Übertragung:

Tröpfcheninfektion (d.h. Husten und Niesen).

Inkubationszeit:

zwei bis zehn Tage.

Krankheitsbild:

Die Erkrankung beginnt mit uncharakteristischen Allgemeinbeschwerden, dann treten zunehmende, schwer behandelbare Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, hohes Fieber, Nackensteife und Bewusstseinsstörungen bis zur Bewusstlosigkeit auf. Zusätzlich besteht bei schweren Verläufen meist auch ein Hautausschlag in Form von kleinen Hauteinblutungen, die später zusammenfließen können. Der Erkrankungsbeginn kann dramatisch sein und innerhalb weniger Stunden aus vollster Gesundheit zur Bewusstlosigkeit führen.

In schwersten Fällen der Meningokokken-Erkrankung kann es innerhalb weniger Stunden zum Tod durch Herz-Kreislaufversagen bei massivsten Blutgerinnungsstörungen kommen (Waterhouse-Friderichsen-Syndrom).

Diagnose:

Die Diagnose wird durch die Lumbalpunktion (Kreuzstich) gestellt. Einerseits findet man die massiv entzündlich veränderte Rückenmarksflüssigkeit, andererseits kann man direkt durch entsprechende Färbemaßnahmen die Erreger in der Rückenmarksflüssigkeit nachweisen. Außerdem kann der Erreger auch in der Kultur nachgewiesen werden.

Behandlung:

Der wichtigste Faktor für den Ausgang der Erkrankung ist der rasche Einsatz einer Antibiotikatherapie (Penicilline, Cephalosporine). Zusätzlich sind meist auch intensivmedizinische Maßnahmen erforderlich. Der Ausgang der Erkrankung ist im Wesentlichen vom raschen Einsatz einer adäquaten Therapie abhängig. Tödliche Ausgänge liegen im Rahmen von fünf bis zehn Prozent, selbst bei raschem und richtigem Therapieeinsatz. Fehlt der Zugang zu einer vernünftigen medizinischen Versorgung, so steigt dieser Prozentsatz rapide auf zu 60% bis 80 % an.

Bedeutung und Vorkommen:

Meningokokken kommen weltweit vor, Bedeutung für das Auftreten von Epidemien haben vor allem Meningokokken der Gruppe A, B, C, W135 und Y.

Die weltweit sehr unterschiedliche Serotypenverteilung zeigt vereinfacht Abb1[1]

 

 

Im europäischen Raum spielen bei der Meningitis epidemica Erreger der Gruppe B, aber auch C und Y die bedeutendste Rolle.

Klassische Hochrisikogebiete in Afrika sind die Sahel-Zone (v. a. Gruppe A, im Jahr 2015 erstmals auch Gruppe C), aber auch die ostafrikanische Seen-Platte (z.B. Tansania) sowie auch Nordafrika. Auch im Nahen Osten und in Saudi-Arabien ist diese Erkrankung heimisch, desgleichen sind auch Ausbrüche aus Nepal und Delhi bekannt.

Für das Auftreten von Epidemien spielen einerseits klimatische Bedingungen (kalte, trockene Perioden), andererseits auch soziale Faktoren eine bedeutende Rolle. Meningokokken-Meningitis-Epidemien werden – aufgrund der Übertragung als Tröpfcheninfektion – begünstigt, wenn viele Menschen auf engstem Raum unter schlechten Bedingungen zusammenkommen. Dies gilt im  Besonderen auch für Flüchtlingslager, aber auch für die Zeit der Pilgerfahrten nach Mekka.

Zur Vorbeugung der Meningokokken-Meningitis stehen ausgezeichnet verträgliche Impfstoffe zur Verfügung, die entweder nur vor dem Stamm B schützen, vor dem Stamm C oder kombiniert vor den Stämmen A, C, W135 und Y.

Wichtig ist, dass Impfstoffe in Zusammenhang mit Meningokokken kein Ersatz einer postexpositionellen Prophylaxe sind. Tritt ein Fall von Meningokokken-Meningitis im Familienverband oder z.B. in einer Gemeinschaftseinrichtung auf, so kann man eine eventuelle Ausbreitung nicht durch eine Impfung, sondern nur durch eine „Umgebungsprophylaxe“ bekämpfen, die ehestmöglich mit Antibiotika erfolgen muss.

Impfstoffe:

Grundsätzlich wird gegen Meningokokken der  Serogruppen A, C, W135 und Y mit so genannten Kapselpolysacchariden (große Zuckermoleküle in der Zellmembran des Erregers) geimpft. Diese Polysaccharide werden an ein Trägerprotein geheftet (konjugierte Impfstoffe). Bis vor kurzem waren auch Impfstoffe im Handel, welche nur die Kapselpolysaccharide enthielten (unkonjugierte Impfstoffe wie zB. Mencevax gegen Meningokokken Gruppe A, C, W135, Y). Diese Impfstoffe sind mittlerweile in Österreich jedoch nicht mehr erhältlich.

Konjugierte Impfstoffe haben nun den Vorteil, dass sie das Immunsystem besser stimulieren und auch zu einem immunologischen Gedächtnis führen. Das ist v.a. bei Kindern von Bedeutung, da das Immunsystem bei unter Zweijährigen auf die nichtkonjugierten Impfstoffe praktisch nicht reagiert.

Im Impfstoff gegen Meningokokken B wird technologisch ein anderes Konzept verwendet.

 

IMPFSTOFF

PRODUKTNAME und HERSTELLER

KINDERIMPFSTOFFE

Meningokokken B (vierfach, TOT)

Bexsero (GSK)

Meningokokken C

(Polysaccharid, TOT, konjugiert)

NeisVac C (Pfizer) Meningitec (Pfizer) Menjugate (GSK)

Meningokokken A,C,W135,Y

(Polysaccharid, TOT, konjugiert)

 

Nimenrix (GSK) ab vollendetem 1. Lebensjahr

Menveo (GSK) ab vollendetem 2. Lebensjahr

ERWACHSENENIMPFSTOFFE

Meningokokken B (vierfach, TOT)

Bexsero (GSK)

Meningokokken A,C,W135,Y

(Polysaccharid, TOT, konjugiert)

 

Nimenrix (GSK)

Menveo (GSK)

 

Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe B

Es war lange Zeit problematisch, einen effektiven, breit wirksamen Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe B zu produzieren. Die Ursache war, dass antigene Epitope der Meningokokken potentiell mit menschlichen Antigenen kreuzreagieren können und/oder schlecht immunogen sind. Weitere Antigene, welche für Impfstoffe in Frage gekommen wären, sind hoch variabel, sodass ein Impfstoff nur sehr eingeschränkt wirksam wäre. So wurden in der Vergangenheit in Ausbruchssituationen sogenannte Outer membrane vesicles(OMV)-Vakzinen verwendet, welche zB. in Kuba, Neuseeland und Norwegen im Einsatz waren.

Zur Entwicklung der nun endlich verfügbaren, neuen Meningokokken B Impfung bediente man sich eines völlig neuen Ansatzes. Es kam die „reverse Vakzinologie“ zum Einsatz, also die „umgekehrte Impfstoffentwicklung“, bei der man sich des Genoms des Bakteriums bedient. Aus diesem wurden letztendlich die vier Komponenten identifiziert, welche nun im Impfstoff enthalten sind: NHBA (heparinbindendes Antigen), NadA (Membran-Anker), fHBP (Faktor H bindendes Protein) und PorA (Teil aus dem OMV des Neuseeland-Stamms). Man geht davon aus, dass diese Impfung in etwa 70% aller in Österreich zirkulierenden Stämme der Meningokokken B abdeckt. Nachdem der Impfstoff sehr neu ist, gibt es derzeit nur begrenzt Daten zur klinischen Wirksamkeit bzw. keine Daten, welche klären könnten, ob ein großflächiger Einsatz eine Herdenimmunität induzieren würde.

Um einen Individualschutz gegen invasive Meningokokken B Infektionen erreichen zu können, soll die Impfung vorzugsweise ab dem vollendeten 2. Lebensmonat nach dem für diesen Impfbeginn vorgesehenen Schema nach sorgfältiger Aufklärung über Nutzen und Risiko durchgeführt werden. Ebenso soll bei älteren Säuglingen, Kindern und Jugendlichen die Meningokokken-Impfung individuell im Sinne einer Nachholimpfung entsprechend den zugelassenen Impfschemata angeboten werden. Aufgrund des gehäuften Auftretens von Fieber bei der Kombination der Impfung mit anderen Kinderimpfungen kann bei gleichzeitiger Gabe mit anderen Kinderimpfstoffen entsprechend der Fachinformation eine prophylaktische Durchführung antipyretischer Maßnahmen in Erwägung gezogen werden[2].

Impfschema für Meningokokken B[3]

Impfschema für Meningokokken B Altersgruppe

Grundimmunisierung

Mindestabstand

Auffrischimpfung

Säuglinge,

2-5 Monate

Drei Dosen zu je 0,5 ml, die erste Dosis verabreicht im Alter von 2 Monaten

Nicht weniger als

1 Monat

Eine Dosis im Alter von

12-15 Monaten

Nicht geimpfte

Säuglinge,

6-11 Monate

Zwei Dosen zu je 0,5ml

Nicht weniger als

2 Monate

Eine Dosis im zweiten Lebensjahr, mit Mindestabstand von 2 Monaten zwischen Grundimmunisierung und Auffrischimpfung

Nicht geimpfte

Kinder,

12-23 Monate

Zwei Dosen zu je 0,5 ml

Nicht weniger als

2 Monate

Eine Dosis mit Abstand von 12-23 Monaten zwischen Grundimmunisierung und Auffrischimpfung

Kinder,

2-10 Jahre

Zwei Dosen zu je 0,5 ml

Nicht weniger als

2 Monate

Notwendigkeit ist derzeit nicht bekannt

Jugendliche (ab 11 Jahren) und Erwachsene

Zwei Dosen zu je 0,5 ml

Nicht weniger als

1 Monat

Notwendigkeit ist derzeit nicht bekannt

 

 

Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe C

Nachdem es mittlerweile vierfach-Kombinationsimpfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppen A, C, W135 und Y gibt, werden monovalente Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe C praktisch nur mehr bei Säuglingen und Kleinkindern angewandt/empfohlen. Bis 2012, dem Jahr, in dem der Vierfachimpfstoff in das kostenfreie Kinderimpfprogramm in Österreich aufgenommen wurde, wurden Impfstoffe gegen Meningokokken C auch angewandt bei Kindern und Jugendlichen vor Sprachferien und Schüleraustausch etc. vor Reisen in einige europäische Staaten wie Großbritannien, Spanien, Portugal, Irland, Niederlande, Belgien, Teile von Kanada und Frankreich, wo besonders viele Fälle von Meningokokkenerkrankungen der Serogruppe C vorkamen. Mittlerweile werden bei den 12-Jährigen bzw. Jugendlichen tetravalente, konjugierte Impfstoffe empfohlen, und der monovalente Impfstoff nur mehr bei Säuglingen und Kleinkindern. In dieser Altersgruppte scheint momentan die monovalente Impfung gegen Meningokokken der Gruppe C anstatt der tetravalenten Impfung auf Grund der Epidemiologie ausreichend: bei Säuglingen und Kleinkindern in Österreich kommen praktisch nur Meningokokken der Serogruppe B und C vor.

Für Kleinkinder wird im 2. Lebensjahr eine einmalige Applikation eines konjugierten Impfstoffes gegen Meningokokken der Gruppe C (MEC-C) empfohlen. Bei Erstimpfung im 2. Lebensjahr wird der monovalente MEC-C einmal geimpft. Die Impfung MEC-C ist ab dem 2. Lebensmonat 2x im Abstand von 8 Wochen mit einer Auffrischung 1 Jahr danach möglich.[4]

 

Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe A, C, W135, Y

Seit 2012 werden quadrivalente Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe A, C, W135, Y im Gratiskinderimpfkonzept für Kinder im 12. Lebensjahr angeboten. Es handelt sich um konjugierte Impfstoffe. Die Polysaccharide der Meningokokken sind hier an Trägerproteine konjugiert, was eine besonders gute Immunantwort zur Folge hat. Diese Trägerproteine sind Tetanustoxoid oder bzw. CRM197, ein nicht-toxisches Diphtherietoxoid. Diese Impfung wird einmalig und intramuskulär verabreicht.

Abgesehen von der Impfung im Schulalter handelt es sich um eine Impfung für Risikopersonen und Reisende. Unter Personen mit erhöhtem Risiko versteht man Menschen mit Asplenie, Splenektomie, Hypogammaglobulinämie, Komplementdefeke, angeborener Properdinmangel oder andere Immundefekte) sowie Laborpersonal, das Meningokokkeninsolaten exponiert ist. Außerdem kann eine Impfindikation bestehen für Gesundheitspersonal, das ein erhöhtes Infektionsrisiko für Meningokokenerkrankungen hat, wie zum Beispiel Pädiater, Personal auf Infektionsabteilungen oder Intensivstationen.  

Als Reiseimpfung ist die vierfach-Meningokokken-Impfung interessant in Ländern mit hoher Inzidenz für Meningokokkenerkrankungen. Dies gilt besonders für Länder im afrikanischen Meningitisgürtel, welcher sich von der Sahelzone bis Tanzania und der ostafrikanischen Seenplatte erstreckt. In der Trockenzeit, von Dezember bis Juni, kommt es dort regelmäßig zu großen Epidemien (siehe auch Abb1). Für die Verbreitungsgebiete in Nordafrika, im Nahen Osten und in Asien (Nepal, Delhi) gilt, dass die Impfung dann zu empfehlen ist, wenn enge Kontakte des Reisenden mit der einheimischen (möglicherweise keimtragenden) Bevölkerung zu erwarten sind, d.h. für sehr individualtouristische Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Nächtigung in Dörfern oder Langzeitaufenthalte. Nötige Impfungen sind daher individuell festzulegen.

In manchen Situationen, wie zB. bei Pilgerfahrten nach Saudi-Arabien (Hajj Mekka), kann eine Meningokokkenimpfung verpflichtend verlangt werden.

 

Schutzrate:

Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe B: Der Impfstoff deckt ca. 70% der in Österreich zirkulierenden Meningokokken B Stämme ab. Auf Grund der Seltenheit der Erkrankung kann hier eine klinische Schutzrate nur schwer definiert werden

Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe C, 4-fach-Impfstoffe: extrem hohe Schutzrate, nahe hundert Prozent

 

Schutzdauer:

Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe B: Gegenstand laufender Untersuchungen. Bei Kindern, welche zwischen dem 12. und 23. Lebensmonat mit 2 Dosen geimpft wurden, ist eine Auffrischungsimpfung nach 12 bis 23 Monaten Jahren empfohlen. Bei Erwachsenen ist es derzeit nicht bekannt, ob Auffrischungsimpfungen nötig sind.

Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe C, 4-fach-Impfstoffe:

sehr lange, Gegenstand laufender Untersuchungen

 

Nebenwirkungen:

Impfstoff gegen Meningokokken der Serogruppe B: vermehrt Fieber, Unwohlsein. Fieber besonders bei gleichzeitiger Verabreichung mit anderen Imfpstoffen

Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe C, 4-fach-Impfstoffe:

exzellent verträglich, selten leichte Lokalreaktionen an der Impfstelle oder leichte Kopfschmerzen.

Genauere Details zu Nebenwirkungen nach Meningokokken-Impfung findet man unter …..Querverweis oder QR-Code Nebenwirkungstabelle, mehrere Kapitel zu Meningokokken-Impfstoffen (Seite 40-44).

Abschließend muss jedoch eindringlich darauf hingewiesen werden, dass die Meningokokken-Meningitis-Impfung NICHT vor eitrigen Gehirnhautentzündungen durch andere Erreger (Meningokokken anderer Gruppen, Pneumokokken, Hämophilus influenzae) und auch NICHT vor virusbedingten Gehirnhautentzündungen (z.B. FSME) schützt.

Es ist sinnvoll und erforderlich, falls ein länger dauernder Kontakt mit einem Erkrankten bestanden hat, eine dreitägige Antibiotika- Prophylaxe durchzuführen. Das bedeutet, dass ein Antibiotikum (zum Beispiel Rifampicin, Ciprofloxacin oder Ceftriaxon) eingenommen wird, um die Besiedlung des Nasen-Rachenraumes und somit einen möglichen Krankheitsausbruch zu verhindern. Diese Maßnahme ist jedoch nur bei engstem Kontakt, zum Beispiel für Familienangehörige, erforderlich.

 



[1] Quelle: EU-IBIS; Rosenstein NE et al. (1999) J Infect Dis 180:1894-901; Connolly M, Noah N (1995),

mit freundlicher Genehmigung von Novartis

[2] Impfplan 2015, mit freundlicher Genehmigung des BMG

[3] Impfplan 2015, mit freundlicher Genehmigung des BMG

[4] Impfplan 2015, mit freundlicher Genehmigung des BMG