Erreger:
Varicella-Zoster-Virus.
Infektionsquelle:
Nasen-Rachensekret,
Stuhl, Harn von Windpockenkranken. Die Zweitmanifestation der Erkrankung ist die
Gürtelrose (Zoster).
Übertragung:
Tröpfchen-
und Schmierinfektion, äußerst ansteckend.
Inkubationszeit:
12
bis 21 Tage.
Krankheitsbild:
Plötzlich
einsetzender Hautausschlag (Papeln, die sich rasch in Bläschen mit serösem
Inhalt umwandeln) und gleichzeitig Fieber (bis 40 Grad möglich). Der
Hautausschlag beginnt im Gesicht und auf der Kopfhaut, erfasst dann später den
Rumpf und breitet sich zentripetal aus. Der Ausschlag verläuft in Schüben,
sodass rote Flecken, Papeln und Bläschen nebeneinander bestehen. Auch die
Schleimhäute sind häufig mitbetroffen. Der Ausschlag ist lästig und juckend,
die Bläschen bzw. deren Inhalt hochinfektiös. Die Infektiosität beginnt etwa
2 Tage vor Ausbruch des Exanthems und erlischt etwa mit dem 5. Tag des Bestehens
des Hauausschlages, in Einzelfällen etwas länger.
Komplikationen
wie Mittelohrentzündung, Lungenentzündung, Nierenbeteiligung und vor allem
auch Gehirn- und Gehirnhautentzündung (1 pro 4000 Erkrankte!) kommen vor.
Sekundärinfektionen der Haut (Staphylodermien, besonders häufig!).
Für
Schwangere können Varicellen zu bestimmten Zeiten der Schwangerschaft durchaus
gefährlich sein: Zwischen der 8. und 21 SSW kann eine teratogene Schädigung
auftreten (fetales Varicellensyndrom mit Defekten wie: Skeletthypoplasien,
Augenmissbildungen, Missbildungen des Zentralnervensystems), das Risiko beträgt
1-2%. Ein zweites Mal, nämlich dann, wenn die Schwangere 5 Tage vor bis 2 Tage
nach dem Geburtstermin akut an Varicellen erkrankt: Hier wird das Kind über die
Plazenta infiziert, besitzt aber keine mütterlichen Leihantikörper bei
gleichzeitig noch unreifem Immunsystem und erkrankt schwerst: neonatale
Varizellen mit einer Letalität von bis zu 35%!
Auch
prinzipiell abwehrgeschwächte Patienten sind hochgefährdet, was Komplikationen
betrifft.
Bei
derartigen Konstellationen kann man dann auch eine passive Immunisierung gegen
Varicellen postexpositionell in Betracht ziehen (siehe „Besondere Hinweise“)
oder ein Herpes-Virustatikum (Aciclovir) einsetzen.
Diagnose:
Die
Verdachtsdiagnose wird klinisch anhand der Symptomatik gestellt. Zur
Diagnosesicherung werden serologische Untersuchungen und eventuell der
Virusnachweis (Speziallabors) angewendet.
Behandlung:
Meist
sind die klassischen Varicellen bei Kindern nicht behandlungsbedürftig, außer
dass juckreiz- und entzündungshemmende Lotionen auf den Ausschlag aufgebracht
werden. Kündigen sich Komplikationen an oder ist der Verlauf von vorneherein
schwer, so können virusstatische Medikamente (z. B. Acyclovir®)
eingesetzt werden, wobei die Regel gilt: Je früher eingesetzt, desto wirksamer.
Ältere Menschen, die noch nie
Varicellen hatten, sind für schwerere Verläufe anfällig, ebenso Personen mit
Störungen des Immunsystems.
Epidemiologie
und Bedeutung:
Varicellen
kommen überall auf der Welt vor. Die Erkrankung wird oft schon im frühen
Kindesalter erworben und bereits im Alter von 10-11 Jahren beträgt die
Durchseuchung über 90%. Mit dem vierzigsten Lebensjahr haben dann die meisten
Personen eine Immunität erworben. Allerdings sind etwa 5% der Bevölkerung
zwischen 20 und 40 nicht immun und
damit besonders gefährdet, da bei älteren Personen die Krankheit signifikant
schwerer verläuft.
Nach
durchgemachter Erkrankung überlebt das Varicella-Virus im Körper, versteckt in
Zellen des Nervensystems (sensorische Ganglien). Wird die Balance der
zellvermittelten Immunität gegen das Virus gestört (z.B. Nachlassen der
zellvermittelten Immunität im Alter, bösartige Erkrankungen, immunsuppressive
Therapie), so kann es zu einer Zweitmanifestation der Erkrankung, dem Herpes
Zoster (Gürtelrose) kommen. Siehe dazu Anhang zum Kapitel.
Impfstoff:
Grundsätzlich
verwendet man zur Immunisierung gegen Varicellen Lebendimpfstoffe. Die
Produkte sind gleichwertig
|
IMPFSTOFF |
PRODUKTNAME
und HERSTELLER |
|
KINDERIMPFSTOFFE
= ERWACHSENENIMPFSTOFFE |
|
|
Varicellen
(LEBENDVIRUS) |
Varilrix
(GSK) Varivax
(SPMSD) |
Impfung:
Die
Impfung wird bei Kindern einmalig gegeben. Ab dem 12.Lebensjahr empfehlen die
Hersteller eine zweimalige Impfung im Abstand von 4-6 Wochen. Impfung ab dem 9.
Lebensmonat durchführbar.
Schutzrate:
Bei
Kindern bis zum zwölften Lebensjahr nach einer Impfung 97%, bei älteren
Personen dann nur noch 90%, bei Immunsupprimierten auch schlechter (weshalb zwei
Impfungen empfohlen sind). Der tatsächliche Schutz gegen die Infektion liegt
nur bei etwa 70%, vor einer schweren Erkrankung aber bei 90%.
Schutzdauer:
Sicher
sechs bis zehn Jahre.
Nebenwirkungen:
Milde
lokale Reaktionen an der Impfstelle, selten ein paar an Varicellen erinnernde Bläschen,
sonst ausgezeichnet verträglich. Das Impfvirus dürfte so wie das Wildvirus im
Körper persistieren. Eine Zweiterkrankung im Sinne eines Herpes Zoster kann
daher auch durch das Impfvirus entstehen, allerdings fünfmal seltener als nach
Wildvirusinfektion und viel harmloser im Verlauf.
Gegenanzeigen:
Akute
fieberhafte Erkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems (angeboren oder
erworben), Schwangerschaft.
Indikation
zur Impfung:
Mit
2005 hat der Impfausschuss des OSR nun eine sehr klare Stellungnahme zur
Varicellenimpfung abgegeben:
|
Impfung gegen Varizellen (Windpocken) Varizellenimpfstoff kann (ab 9 Monaten) für
alle Kinder verwendet werden, die empfänglich sind. Die Impfung wird für
alle ungeimpften 9-17-Jährigen empfohlen, welche noch nicht an Varizellen
erkrankt waren. Die Impfung wird für alle
(seronegativen) Personen empfohlen, für die die Infektion ein Risiko
darstellt. Insbesondere wird sie empfohlen für §
seronegative Frauen im gebärfähigen Alter, §
empfängliche Betreuungspersonen von Kindern,
§
Kinder bei geplanter Immunsuppression wegen schwerer
Autoimmunerkrankung, vor Organtransplantation, bei schwerer
Niereninsuffizienz, mit schwerer Neurodermitis und die im gemeinsamen
Haushalt lebenden Personen, §
Kinder mit Leukämie oder Malignomen unter Berücksichtigung
der Immunitätslage für eine Lebendimpfung (z.B. im Therapie-Intervall,
mit > 1.200/µl Lymphozyten). |
Anwendungshinweise: Lebendimpfstoff; 2 Dosen im Abstand von
mindestens 6 Wochen Bei Patienten mit Chemotherapie siehe
Fachinformation. Bei Frauen soll eine Schwangerschaft bei
Impfung ausgeschlossen und mindestens einen Monat danach vermieden werden. Die Varizellenimpfung kann auch als
Postexpositionsprophylaxe (innerhalb von 72 Stunden) eingesetzt werden. Für empfängliche Patienten mit abgeschwächtem
Immunsystem wird postexpositionelll die |
Noch im
Verlaufe des Jahres 2008/2009 werden voraussichtlich Kombinationsimpfstoffe gegen
Masern-Mumps-Röteln-Varicellen zur Verfügung stehen.
Besonderer
Hinweis:
Besonders
schwere Krankheitsverläufe können sich bei Neugeborenen und bei Personen mit
angeborenen oder erworbenen Immunmängeln (z.B. bei immunsuppressiver Therapie)
entwickeln. Bei einer Varizellen-Primärinfektion in der Schwangerschaft vor der
21.SSW kann es zu einer intrauterinen Virusübertragung mit einem Risiko (von
maximal 2%) für das Auftreten eines
konnatalen Varizellensyndroms kommen. Daher wird nach Exposition
folgenden Personen mit erhöhtem Risiko die Verabreichung eines VZIG innerhalb
von 72 (max. 96) Stunden empfohlen:
·
Empfänglichen Patienten mit geschwächtem Immunsystem
·
Schwangeren bis zur 23. SSW ohne nachweisbare Immunität
·
Neugeborenen, deren Mutter 5 Tage vor bis 2 Tage nach der
Geburt an Varizellen erkrankte
·
Frühgeborenen bis zur einschließlich 28. SSW unabhängig
vom VZV-Immunstatus der Mutter
Diese Maßnahme
kann den Ausbruch einer Erkrankung verhindern oder deutlich abschwächen.
|